„Frei und doch in Haft“

Drogenkonsum und Aufenthaltsstatus

Freie Universität Berlin

Petra Narimani

Petra Narimani ist studierte Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziale Gesundheit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin. Neben ihrer langjährigen Arbeit mit Straffälligen, Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen und Menschen mit Lernschwierigkeiten koordiniert sie interkulturelle und internationale Projekte unter anderem auch in Ecuador und Vietnam.

Auf einen?

Expertise

  • Sucht und Migration
  • Partizipative (Praxis-) Forschung
  • Menschen mit Beeinträchtigungen oder Lernschwierigkeiten

Interessant für

  • Politik- und Sozialwissenschaftler
  • Suchthilfesysteme
  • Studierende der Sozialen Arbeit
Simon King/Unsplash
Petra Narimani

Petra Narimani ist studierte Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziale Gesundheit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin. Neben ihrer langjährigen Arbeit mit Straffälligen, Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen und Menschen mit Lernschwierigkeiten koordiniert sie interkulturelle und internationale Projekte unter anderem auch in Ecuador und Vietnam.

Auf einen?

Expertise

  • Sucht und Migration
  • Partizipative (Praxis-) Forschung
  • Menschen mit Beeinträchtigungen oder Lernschwierigkeiten

Interessant für

  • Politik- und Sozialwissenschaftler
  • Suchthilfesysteme
  • Studierende der Sozialen Arbeit

Interview

Anja Zeltner
Freie Autorin

Du hast einen qualitativen Forschungsansatz gewählt. Wie gelang dir der Zugang zu den Betroffenen, um solch qualitative Ergebnisse zu erhalten?

Petra Narimani
schreibt…
Anja Zeltner
Freie Autorin

Du hast einen qualitativen Forschungsansatz gewählt. Wie gelang dir der Zugang zu den Betroffenen, um solch qualitative Ergebnisse zu erhalten?

Petra Narimani
Doktorandin

Dies konnte wahrscheinlich nur gelingen durch eine langjährige Zusammenarbeit mit Angehörigen der Drogenselbsthilfe wie auch Erfahrungen in der Beratung, Betreuung und Begleitung von Drogenkonsumenten ohne deutsche Staatsbürgerschaft, Betroffenen mit Migrationshintergrund und Flüchtlingen. Die daraus entstandenen Vertrauensverhältnisse waren Türöffner.

Anja Zeltner
Freie Autorin

Drogenkonsumenten sowie Migranten sind für gewöhnlich stigmatisiert. Inwiefern musstest du dich mit deiner eigenen Voreingenommenheit auseinandersetzen?

Petra Narimani
Doktorandin

Überhaupt nicht, weil ich sehr lange mit ganz unterschiedlichen Menschen aus beiden Gruppen zusammengearbeitet habe. In der Arbeit mit Abhängigkeitskranken muss man Lebenswelten, Konsumgewohnheiten und Straftaten sowie damit verbundenen Einzelschicksalen vorurteilsfrei begegnen, sonst kann man keine tragenden Beziehungen aufbauen. Sehr viel schwieriger war die spätere Darstellung meiner Forschungsergebnisse, vor allem in Bezug auf die Frage, wie ich einen möglichen Schaden für die untersuchte Gruppe vermeide bei dennoch größtmöglicher Offenlegung der Lebensrealitäten.

Anja Zeltner
Freie Autorin

Gibt es einen Aspekt, bei dem du einen übergeordneten Handlungsbedarf siehst oder ist die Verflechtung der von dir beschriebenen Problematik dafür zu weitläufig?

Petra Narimani
Doktorandin

Nein, Handlungsbedarfe gibt es auf allen Ebenen. So bedarf es beispielsweise einer politisch erkennbaren Haltung der Suchthilfe zur Fragen der Abschiebung von Betroffenen, die in Deutschland sozialisiert, drogenabhängig und straffällig geworden sind. Darüber hinaus ist eine kritische politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Folgen der bisherigen Zuwanderungspolitik notwendig, denn ausgrenzende Sondergesetze für Menschen, die in Deutschland sozialisiert wurden, darf es nicht geben. Außerdem bedarf es einer Entkriminalisierung von Suchtmitteln verbunden mit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung darüber, inwieweit suchtfördernde und suchthemmende Faktoren an Migrationsprozesse geknüpft sind.

Schlagworte

Migration, Aufenthaltsstatus, Drogenkonsum, Suchtkrankenhilfe, rechtlich bedingte Ausgrenzung

Zusammenfassung

Im deutschen Kontext liegen bisher wenige Informationen darüber vor, wie Migrationsprozesse die Lebensgeschichte von Drogenkonsumenten ohne deutsche Staatsbürgerschaft beeinflussen. Um den unterschiedlichen Bedürfnissen von Migrantengruppen im Hilfesystem gerecht zu werden, bedarf es jedoch einer genauen Kenntnis der Hintergründe von Drogenkonsumverläufen und rechtlichen Situationen. In der Praxis hat sich gezeigt, dass auch in Deutschland geborene und/oder aufgewachsene Drogenkonsumenten ohne deutsche Staatsbürgerschaft aufgrund von insbesondere suchtbedingten Straftaten von Ausweisung bedroht sind. Viele Betroffene können jedoch nicht abgeschoben werden, weil andere rechtliche Gründe entgegenstehen; sie erhalten dann eine Duldung (Aussetzung der Abschiebung), mit der sie oft viele Jahre leben. Dadurch wird der Zugang zu den Angeboten der Suchthilfe erschwert. Zudem schränken die mit der Duldung verbundenen Hindernisse, wie etwa Arbeitsverbote, die Zukunftsperspektiven der Betroffenen ein. Vorrangiges Ziel der Untersuchung war die Identifikation und systematische Erfassung von Problemen, mit denen Drogenkonsumenten mit einer langjährigen Duldung konfrontiert werden. Um die rechtlich und strukturell wie auch individuell bedingten Hindernisse zu erkennen und die Zukunftsperspektiven der Betroffenen zu beleuchten, wurde ein qualitativer Forschungsansatz mit einer Kombination von Methoden gewählt. Zunächst wurden acht leitfadengestützte, problemzentrierte Betroffeneninterviews zu dem jeweiligen Suchtverlauf, der aufenthaltsrechtlichen Situation sowie den Zukunftsperspektiven geführt und durch Feldnotizen und Falldokumentationen ergänzt. Parallel dazu wurden fünf Fachleute des Suchthilfesystems befragt und abschließend ein Behördendokument analysiert. Die Situation der untersuchten Gruppe konnte dadurch aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und das relevante Bedingungsgefüge erfasst werden. Dabei stellten die Komplexität der Thematik, grundlegende Veränderungen im Asyl-, Ausweisungs- und Bleiberecht wie auch ethische Fragestellungen besondere Herausforderungen im Forschungsverlauf dar. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass die aufenthaltsrechtliche Situation während der aktiven Konsumzeit weitgehend unbeachtet bleibt, weil der Drogenkonsum das Leben umfänglich bestimmt. Die aufenthaltsrechtlich prekäre Situation wird erst dann als Hindernis wahrgenommen, wenn die Betroffenen versuchen, ihr weiteres Leben ohne Drogen und Straftaten zu gestalten. Insgesamt haben Duldung und Ausweisung einen erheblichen Einfluss auf das Selbstwert- und Zugehörigkeitsgefühl und beeinträchtigen damit das Leben der Betroffenen und ihrer Familien umfassend.

Die Erkenntnisse der Arbeit sollen zu einem besseren Verständnis der komplexen und rechtlich bedingten Benachteiligungen von Drogenkonsumenten mit Duldung beitragen, frühzeitige Interventionsmöglichkeiten eröffnen und Argumente für einen anderen Umgang mit den Betroffenen liefern.

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Zitiervorschlag

Narimani, Petra. „Frei und doch in Haft“: Drogenkonsum und Aufenthaltsstatus. Freie Universität Berlin, 2019, doi:10.17169/refubium-1575.

Repository

refubium.fu-berlin.de

Identifikatoren

urn: urn:nbn:de:kobv:188-refubium-23789-1

doi: 10.17169/refubium-1575

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