„Frei und doch in Haft“

Drogenkonsum und Aufenthaltsstatus

Freie Universität Berlin

Simon King/Unsplash

Schlagworte

Migration, Aufenthaltsstatus, Drogenkonsum, Suchtkrankenhilfe, rechtlich bedingte Ausgrenzung

Zusammenfassung

Im deutschen Kontext liegen bisher wenige Informationen darüber vor, wie Migrationsprozesse die Lebensgeschichte von Drogenkonsumenten ohne deutsche Staatsbürgerschaft beeinflussen. Um den unterschiedlichen Bedürfnissen von Migrantengruppen im Hilfesystem gerecht zu werden, bedarf es jedoch einer genauen Kenntnis der Hintergründe von Drogenkonsumverläufen und rechtlichen Situationen. In der Praxis hat sich gezeigt, dass auch in Deutschland geborene und/oder aufgewachsene Drogenkonsumenten ohne deutsche Staatsbürgerschaft aufgrund von insbesondere suchtbedingten Straftaten von Ausweisung bedroht sind. Viele Betroffene können jedoch nicht abgeschoben werden, weil andere rechtliche Gründe entgegenstehen; sie erhalten dann eine Duldung (Aussetzung der Abschiebung), mit der sie oft viele Jahre leben. Dadurch wird der Zugang zu den Angeboten der Suchthilfe erschwert. Zudem schränken die mit der Duldung verbundenen Hindernisse, wie etwa Arbeitsverbote, die Zukunftsperspektiven der Betroffenen ein. Vorrangiges Ziel der Untersuchung war die Identifikation und systematische Erfassung von Problemen, mit denen Drogenkonsumenten mit einer langjährigen Duldung konfrontiert werden. Um die rechtlich und strukturell wie auch individuell bedingten Hindernisse zu erkennen und die Zukunftsperspektiven der Betroffenen zu beleuchten, wurde ein qualitativer Forschungsansatz mit einer Kombination von Methoden gewählt. Zunächst wurden acht leitfadengestützte, problemzentrierte Betroffeneninterviews zu dem jeweiligen Suchtverlauf, der aufenthaltsrechtlichen Situation sowie den Zukunftsperspektiven geführt und durch Feldnotizen und Falldokumentationen ergänzt. Parallel dazu wurden fünf Fachleute des Suchthilfesystems befragt und abschließend ein Behördendokument analysiert. Die Situation der untersuchten Gruppe konnte dadurch aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und das relevante Bedingungsgefüge erfasst werden. Dabei stellten die Komplexität der Thematik, grundlegende Veränderungen im Asyl-, Ausweisungs- und Bleiberecht wie auch ethische Fragestellungen besondere Herausforderungen im Forschungsverlauf dar. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass die aufenthaltsrechtliche Situation während der aktiven Konsumzeit weitgehend unbeachtet bleibt, weil der Drogenkonsum das Leben umfänglich bestimmt. Die aufenthaltsrechtlich prekäre Situation wird erst dann als Hindernis wahrgenommen, wenn die Betroffenen versuchen, ihr weiteres Leben ohne Drogen und Straftaten zu gestalten. Insgesamt haben Duldung und Ausweisung einen erheblichen Einfluss auf das Selbstwert- und Zugehörigkeitsgefühl und beeinträchtigen damit das Leben der Betroffenen und ihrer Familien umfassend.

Die Erkenntnisse der Arbeit sollen zu einem besseren Verständnis der komplexen und rechtlich bedingten Benachteiligungen von Drogenkonsumenten mit Duldung beitragen, frühzeitige Interventionsmöglichkeiten eröffnen und Argumente für einen anderen Umgang mit den Betroffenen liefern.

Volltext auf OpenD

Diese Dissertation ist auf OpenD im Volltext verfügbar. Online und OpenAccess.

Jetzt lesen

Zitiervorschlag

Narimani, Petra. „Frei und doch in Haft“: Drogenkonsum und Aufenthaltsstatus. Freie Universität Berlin, 2019, doi:10.17169/refubium-1575.

Repository

refubium.fu-berlin.de

Identifikatoren

urn: urn:nbn:de:kobv:188-refubium-23789-1

doi: 10.17169/refubium-1575 coisas

Veröffentliche

deine Dissertation

auf OpenD und steigere

deine Online-Sichtbarkeit

Jetzt registrieren