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Interview mit Dr. Jutta Krautter

Jutta Krautter studierte Allgemeine Rhetorik und Philosophie an der Universität Tübingen. Nach ihrem Magisterabschluss war sie Promotionsstipendiatin im Graduiertenkolleg „Bioethik“ am Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) in Tübingen. In ihrer Dissertation untersuchte sie rhetorische Argumentationsstrukturen der öffentlichen Debatte über Neuro-Enhancement.
Seit 2016 ist sie als akademische Mitarbeiterin an der Forschungsstelle Präsentationskompetenz am Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen tätig.

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Arthur Höring
Redakteur

Was bedeutet Neuro-Enhancement im Kontext deiner Arbeit?

Jutta Krautter
Doktorandin

Diese Frage verstehe ich sowohl auf der reinen Definitions- als auch auf der Inhaltsebene. Die bloße Definition ist eigentlich schnell erklärt: Ich verstehe darunter die biotechnische Selbstgestaltung durch Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit, etwa des Konzentrationsvermögens, mithilfe verschreibungspflichtiger Medikamente. Nicht dazu zählen in meinem Verständnis an dem einen Ende der Skala Nikotin, Kaffee oder auch Koffeintabletten, Sport etc. und an dem anderen Ende Kokain, Amphetamine etc. Ich beziehe mich auch nicht auf die genetische Manipulation anderer, denn der Fokus liegt auf der Selbstgestaltung.
Inhaltlich könnte man sehr verkürzt antworten, dass Neuro-Enhancement als interessantes Thema oder Phänomen gilt, worüber in den Medien gerne und ausführlich berichtet wird – eben weil man sich damit eine exorbitante Steigerung seiner geistigen Leistungsfähigkeit verspricht oder weil scheinbar immer mehr Menschen zu diesen Mitteln greifen.

Arthur Höring
Redakteur

Topoi sind ein zentraler Bestandteil deiner Arbeit und du beschreibst sie als „argumentative Gesichtspunkte“. Ist deine Arbeit so gesehen auch ein Topos, der sich in die Behandlung des Themas Neuro-Enhancement einreiht?

Jutta Krautter
Doktorandin

Ja, absolut! Obwohl man sich zunächst einmal fragen könnte, wofür die Arbeit plädiert, wofür oder wogegen Argumente eingesetzt werden – denn in erster Linie werden ja Argumente der untersuchten zehn auflagenstärksten Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland beschrieben. Dennoch schwingen auch schon in diesem beschreibenden Teil meine eigenen Ansichten und Meinungen zu diesem Phänomen mit. Nicht zuletzt folgt auch im Schlussplädoyer eine explizite ethische Stellungnahme, die sich aber hauptsächlich auf einen ganz konkreten Grund bezieht, der dazu führen kann, Medikamente zur Leistungssteigerung einzunehmen.
Es wird also deutlich: Ich zeige argumentative Gesichtspunkte nicht nur auf, ich nutze sie auch selbst; und damit fügt sich meine Arbeit in die topische Landschaft rund um das Thema Neuro-Enhancement ein.

Arthur Höring
Redakteur

Du teilst dein Schlussplädoyer in zwei Ebenen auf. Einmal das Phänomen an sich betreffend und zum anderen die das Phänomen umgebenden Texte behandelnd. Ist die Art, wie wir über Dinge reden, teils problematischer als die Dinge an sich?

Jutta Krautter
Doktorandin

Das ist eine wirklich gute und schwer zu beantwortende Frage. Bei der Antwort ist mir aber wichtig, dass ich in meiner Arbeit keinesfalls Journalistenschelte betreiben möchte. Es geht mir vor allem darum, dass alle – Leser*innen wie Autor*innen eines Textes – sich der teilweise emotionalen Wirkung von Sprache bewusst sein sollten. Wenn ich beispielsweise anstatt „1% der Deutschen greifen täglich zu Neuro-Enhancement“ die Aussage „Hunderttausende Deutsche greifen täglich zu Neuro-Enhancement“ treffe bzw. lese, dann unterscheiden sich zwar die Inhalte nicht unbedingt, wohl aber die Wirkungen dieser Aussagen. Die eine wirkt „größer“ und auch möglicherweise bedrohlicher als die andere. Vielleicht könnte man also sagen, dass die Art, wie wir über Dinge reden, zumindest fragliche Züge annehmen kann.