Die Unwahrscheinlichkeit des Umweltmanagements

Übersetzung gesellschaftlicher Erwartungen in Hochschulstrukturen: Eine organisationsethnographische Fallstudie

Universität Bielefeld

Sprache:

Lukas Daubner

Dr. Lukas Daubner hat an der Universität Bielefeld Politikwissenschaft und Soziologie studiert und 2020 seine von Stefan Kühl und Bernd Kleimann (Universität Kassel) betreute Promotion abgeschlossen. Er hat als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich politische Soziologie gelehrt und im Rahmen der Promotion einen Forschungsaufenthalt am Center for Research in Higher Education Policies (CIPES) in Porto absolviert. Zurzeit arbeitet Lukas als wissenschaftlicher Mitarbeiter für den Bereich Ökologische Moderne beim Zentrum Liberale Moderne in Berlin.

Auf einen?

Expertise

  • Transformationsprozesse in Organisationen und Gesellschaft
  • Politische Organisation sowie Kommunikation
  • Hochschulpolitik und -verwaltung

Interessant für

  • Hochschulforscher*innen
  • Hochschulpraktiker*innen
  • am Verhältnis von Gesellschaft und Organisation Interessierte
Lukas Daubner

Dr. Lukas Daubner hat an der Universität Bielefeld Politikwissenschaft und Soziologie studiert und 2020 seine von Stefan Kühl und Bernd Kleimann (Universität Kassel) betreute Promotion abgeschlossen. Er hat als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich politische Soziologie gelehrt und im Rahmen der Promotion einen Forschungsaufenthalt am Center for Research in Higher Education Policies (CIPES) in Porto absolviert. Zurzeit arbeitet Lukas als wissenschaftlicher Mitarbeiter für den Bereich Ökologische Moderne beim Zentrum Liberale Moderne in Berlin.

Auf einen?

Expertise

  • Transformationsprozesse in Organisationen und Gesellschaft
  • Politische Organisation sowie Kommunikation
  • Hochschulpolitik und -verwaltung

Interessant für

  • Hochschulforscher*innen
  • Hochschulpraktiker*innen
  • am Verhältnis von Gesellschaft und Organisation Interessierte

Interview

Russell Alt-Haaker
Redakteur

Du beschreibst es als unwahrscheinlich, dass Hochschulen sich um mehr Umweltschutz bemühen. Wie bist du zu dieser Einschätzung gekommen?

Lukas Daubner
schreibt…
Russell Alt-Haaker
Redakteur

Du beschreibst es als unwahrscheinlich, dass Hochschulen sich um mehr Umweltschutz bemühen. Wie bist du zu dieser Einschätzung gekommen?

Lukas Daubner
Doktorand

Zunächst muss eine Hochschule Umweltschutz unter den vielen weiteren wichtigen Themen auswählen und fokussieren. Wird eine Stelle eingerichtet und entwickelt Ideen und Maßnahmen für mehr Umweltschutz, ist allerdings längst nicht ausgemacht, dass die Prozesse an einer Hochschule dadurch umweltfreundlicher werden. Viele Akteure können bei Entscheidungen mitreden: Die Hochschulleitung, der akademische Senat, einzelne Fachbereiche, Professor*innen oder die Studierendenvertretung. Dadurch durchlaufen Entscheidungen viele Schleifen und es müssen viele Interessen berücksichtigt werden. Die Gelegenheiten und Situationen, an denen eine Umweltschutzmaßnahme verändert werden kann, sind also zahlreich. Ist eine Maßnahme dann entschieden, muss sie außerdem noch im Alltag der Verwaltung anschlussfähig sein. Ganz zu schweigen vom akademischen Personal, dass viele Anforderungen aus der Verwaltung einfach ignorieren kann.

Russell Alt-Haaker
Redakteur

Bei Ethnographie denken die meisten an ferne Stammesgesellschaften. Warum verwendest du diese Methode für die Untersuchung von Hochschulverwaltungen?

Lukas Daubner
Doktorand

Seit etwa 100 Jahren wird das Instrumentarium der Ethnographie von Forscher*innen auch auf die eigene Gesellschaft angewendet, etwa bei der Untersuchung von Straßengangs, dem Börsenhandel oder eben von Hochschulverwaltungen. Der Vorteil von Organisationsethnographien ist m. E., dass Organisationen in ihrer ganzen Komplexität erfassbar werden. Nicht nur die formalen Regeln, sondern auch die informalen - wenn man so will - kulturellen Aspekte werden sichtbar: lang schwelende Konflikte zwischen bestimmten Abteilungen, kurze Dienstwege, „brauchbare Illegalitäten“. Durch die teilnehmende Beobachtung des Arbeitsalltags konnte ich beobachten wie Entscheidungen vorbereitet, getroffen, und schließlich umgesetzt werden. Trotz vergleichbarer Strukturmerkmale sind diese Prozesse an Hochschulen jeweils unterschiedlich. Die Ethnographie macht die Tiefenstruktur einer Hochschule sichtbar und hilft besser zu verstehen, was dort wirklich passiert.

Russell Alt-Haaker
Redakteur

Möchtest du, dass Hochschulen praktische Lehren aus deinen Erkenntnissen über Entscheidungswege ziehen, um Komplexität bei der Umsetzung von Umweltmanagementprogrammen zu reduzieren? Oder welchen Impact würdest du dir für deine Dissertation wünschen?

Lukas Daubner
Doktorand

Auch wenn ich das normative Ziel eines umweltfreundlichen Hochschulbetriebs wichtig finde, geht es mir nicht darum, eine Anleitung für ein gutes Umweltmanagement zu formulieren. Im Gegenteil, die Arbeit zeigt, dass diese Anleitungen immer von zu einfachen, linearen Vorstellungen ausgehen. Aber Organisationen sind komplex, es brodelt unter der formalen Oberfläche. Das kann man auch durch gutes Management nicht abstellen. Zumal sich die soziale Umwelt fortlaufend ändert und neue Erwartungen formuliert. Bei allem gutwilligen Reformwillen bleibt es also eher unwahrscheinlich, Veränderungen erfolgreich zu implementieren. Zugleich wird es keiner Hochschule schaden, eine Stelle für ein Umweltmanagement einzurichten und ein Augenmerk auf die damit verbundenen Zusammenhänge im Betrieb zu richten. Der Einfluss der Verwaltung auf Lehre und Forschung bleibt äußerst gering. Egal welche Meinung man dazu hat, muss man das als Fakt anerkennen.

Schlagworte

Transformationsprozesse, Hochschule, Universität, Umweltschutz, Umweltschutzmaßnahmen, Klimaschutz, EMAS, Umweltmanagement, Umweltmanagementprogramm, Hochschulverwaltung, Hochschulstrukturen, Systemtheorie, Ethnografie, gesellschaftliche Erwartungen

Zusammenfassung

Die Dringlichkeit zum Handeln bei den Themen Klima- und Umweltschutz auf gesellschaftlicher Ebene lässt sich nur bedingt in eine Dringlichkeit auch für Organisationen übersetzen. Nichtsdestotrotz wird auch von Hochschulen als Organisationen erwartet, dass sie Forschung und Lehre sowie ihren Betrieb auf ökologische Nachhaltigkeit hin verändern. Ausgehend von der Annahme, dass diese Veränderungen unwahrscheinlich sind, untersucht die Studie am Fall von zwei Hochschulen für Angewandte Wissenschaften wie dort ein nach EMAS zertifiziertes Umweltmanagementprogramm etabliert und betrieben wird. Systemtheoretisch inspiriert und mithilfe eines ethnographischen Vorgehens wird beobachtbar, wie Hochschulverwaltungen Entscheidungen vorbereiten und treffen sowie darüber hinaus, welche Auswirkungen diese auf die übrigen Hochschulstrukturen haben. Zentrale Akteure sind dabei Stabsstellen. Die Beobachtungen zeichnen nach, welche Herausforderungen diese dabei haben, abstrakte Programme in hochschulische Strukturen zu übersetzen und (teilweise) anschlussfähig zu machen. Entscheidungen müssen vorbereitet und durch die vielen Entscheidungsnadelöhre der Hochschule geführt werden, wo die Maßnahmen angepasst und abgeschliffen, oder zurückgewiesen werden. Kommunikation unter Anwesenden (Interaktion) ist bei der Verdichtung und Vorbereitung von Umweltschutzmaßnahmen ein zentraler Kommunikationstyp, der Funktionen erfüllt, die die übliche schriftliche Kommunikation der Verwaltung nicht erfüllt. Neben den Herausforderungen Umweltschutz in der Verwaltung zu verankern, zeigt die Studie darüber hinaus, wie die Erwartungen der Verwaltung regelmäßig an den institutionellen Grenzen von Forschung und Lehre zerschellen. Wissenschaftler*innen können weitestgehend nur durch freiwillige Angebote angesprochen werden. Dadurch gestaltet sich die Zusammenarbeit der Stabsstellen mit dem akademischen Personal als kompliziert und kleinteilig. Die Beobachtungen veranschaulichen, dass Veränderungen infolge von Umwelterwartungen oft vor allem symbolischer Natur sind. Veränderungen der Tiefenstruktur ereignen sich nur durch Selbstanpassungen. Diese erfolgen, trotz aller Managementbemühungen, nicht linear, oft nicht-intendiert und bleiben somit unwahrscheinlich.

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978-3-96037-343-8

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