Auf einen?

Expertise

  • Verhaltensbiologie
  • Sprachevolution
  • Meta-Wissenschaften

Interessant für

  • Verhaltensbiolog*innen
  • Vergleichende Entwicklungspsycholog*innen
  • Meta-Wissenschaftler*innen

Interview mit Dr. Robert Ullrich

Dr. Robert Ullrich hat Biologie mit Schwerpunkt Neurobiologie und Verhaltensbiologie, sowie Philosophie an der Freien Universität Berlin studiert. Er promovierte am Fachbereich der vergleichenden Entwicklungspsychologie bei Prof. Katja Liebal ebenfalls an der Freien Universität Berlin und veröffentlichte seine Dissertation 2019 ebendort.
Sein Arbeitsschwerpunkt während der Promotionsphase lag auf dem Gebiet des „Meta-Research”. Diese relativ neue Fachdisziplin entwickelte sich im Zuge der sogenannten „replication crisis” im Fachgebiet Psychologie. „Meta-Research“ untersucht mithilfe quantitativer und qualitativer Methoden die Bedingungen wissenschaftlicher Arbeit und Erkenntnis. Die Ergebnisse seiner Dissertation veröffentlichte er in drei Fachzeitschriften und einem Sammelband.

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Arthur Höring
Redakteur

Deine Dissertation beschäftigt sich gar nicht so sehr damit, wie Sprache bei Tieren aussehen könnte, sondern eher wie die wissenschaftliche Auffassung von Sprache die Herangehensweise an das Thema prägt. Wie bist du dazu gekommen?

Robert Ullrich
Doktorand

Der einfache Grund, warum die Definition von Sprache in der Arbeit keine Rolle spielt, ist der, dass bereits zahlreiche Regalmeter in den Bibliotheken dazu gefüllt sind. Die Diskussion geht zurück bis in die Antike und dreht sich bis heute mehr oder weniger im Kreis. Genau das hat mich verwundert. Warum ist das so? Warum können sich Forscher*innen nicht auf eine Definition von etwas einigen, was im Alltagsgebrauch recht klar erscheint? Meine Vermutung lautete: Es geht hier um mehr als Sprache. Hier geht es um das menschliche Selbstbild. Und da kommen die Normen und Werte ins Spiel. Es war der Ansatz der Dissertation, diesen Werten auf einer Metaebene und mit quantitativen Methoden näher zu rücken. Dazu wurden Textsprachanalysen von mehr als 900 Fachartikeln gemacht oder Zitationsnetzwerke aufgedeckt. Werte und Wissenschaft – das ist eigentlich ein Tabu. Entsprechend aufwendig ist es, sie nachzuweisen.

Arthur Höring
Redakteur

In deiner Arbeit setzt du dich mit drei Definitionen von Sprache auseinander. Könntest du umreißen, was diese ausdrücken und eventuell Beispiele dafür geben, welche Probleme damit verbunden sein können?

Robert Ullrich
Doktorand

Ich würde es gar nicht so sehr Definitionen als vielmehr Blickwinkel nennen. Sprache ist ein sehr weites Feld und Annäherungen finden von sehr verschiedenen Seiten statt. Beispielsweise gab es zum Ende des 19. Jahrhunderts einen sehr vokalen Blick auf Sprache. Also alles, was vokal geäußert wurde, rückte in den Verdacht Sprache zu sein. Gehörlose Menschen standen dann schnell im Verdacht ‚sprachlos’ – und damit ‚primitiv’ – zu sein. Das war für sich problematisch, provozierte es doch viele Jahrzehnte die Unterdrückung der Gebärdensprache.
Die äußerst vokalen Singvögel hingegen schienen nach diesem Blickwinkel der Sprache näher als die nur affektiv grunzenden Primaten. Aber da war auch schon das nächste Problem. Es schien nämlich der Vorstellung von aufsteigenden Entwicklungsstufen zu widersprechen, nach der Vögel ‚primitiver’ wären als die ‚höheren’ Menschenaffen. Auch dieser Blickwinkel – die sogenannten Scala Naturae – prägte die Definitionen von Sprache. So wurden bis Mitte des 20. Jahrhunderts Tiergruppen wie die Vögel dann doch wieder kategorisch vom Diskurs ausgeschlossen, weil sie als zu ‚primitiv’ galten. Bis heute ist der Begriff Spatzenhirn ein Schimpfwort.
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde sowohl der vokale Blickwinkel als auch die Vorstellung von Entwicklungsstufen aufgegeben und zunehmend durch kognitive Blickwinkel ersetzt. Nun geht es darum, was auf einer psychologischen Ebene gegeben sein muss, um von Sprache zu reden. Bis vor wenigen Jahren war der Begriff der Intentionalität – also der geistigen Bezugnahme – der Star der Diskussion. Inzwischen wird aber auch diese Vorstellung von anderen kognitiven Blickwinkeln überholt.

Arthur Höring
Redakteur

Inwieweit dürfte man der Forschung unterstellen, dass sie in ihrer Suche nach der Unterscheidung zwischen Mensch und Tier die Möglichkeit ignoriert, dass es gar keinen Unterschied geben könnte?

Robert Ullrich
Doktorand

Das lässt sich der Forschung nicht unterstellen. Es gab immer und zu jedem Zeitpunkt der Debatte Menschen, die diesen Unterschied abgelehnt haben. Genauso stabil ist aber auch jene Gruppe, die felsenfest von Unterschieden überzeugt ist. Wer in die Sprachevolutionsforschung eintaucht, wird starke Stimmen für beide Lager finden. Zuweilen beziehen sich die Lager sogar auf ähnliche Experimente, interpretieren sie dann aber völlig unterschiedlich. Da sind wir dann wieder bei den sozialen und historischen Einflüssen der jeweiligen Forscher*innen. Die zu untersuchen war genau das Thema der Dissertation. 

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Robert Ullrich
Auf einen?
du

Na klar, sehr gerne.