Wie du artgerecht promovierst

Introvertiert oder extrovertiert? Warum dir das Forschen und Netzwerken leichter fällt, wenn du deine Persönlichkeits-Eigenschaften kennst.

Eine der wichtigsten Unterscheidungen in der Persönlichkeitspsychologie ist die zwischen introvertiert und extrovertiert. Wenn du weißt, ob du eher auf der Intro- oder eher auf der Extro-Seite bist, hast du einen wichtigen Schlüssel zur Gestaltung deiner Arbeit, deiner Kontakte und deiner Lebensumstände.

Introvertiert bedeutet wörtlich „nach innen gewandt“, extrovertiert „nach außen gewandt“. Der Unterschied lässt sich heute neurophysiologisch gut nachweisen.

Intros …

  • … finden zu viele Eindrücke anstrengend und mögen deshalb Struktur und Kalkulierbares. Sie denken und planen am liebsten, bevor sie aktiv handeln.

  • … leisten ihre beste Arbeit in Ruhe und schätzen die Reflexion.

  • … schätzen Sicherheit, Vorsicht und Berechenbarkeit.

Extros …

  • … mögen viele verschiedene Eindrücke und den Wechsel zwischen Kanälen.

  • … sind sinnesorientiert.

  • … leisten ihre beste Arbeit in der Aktion und schätzen tatkräftiges Zupacken.

  • … schätzen Belohnungen, Risiken und reizvolle Ziele.

Das Spannende dabei: Du kannst in einem Teil deines Hirns intro-, in einem anderen Teil extrovertiert sein. Wenn du wissen willst, wo deine Intro- und Extro-Anteile liegen, dann kannst du diesen Online-Test machen. Wenn du in der Mitte liegen solltest, bist du zentro- oder ambivertiert – mehr dazu hier.

Ob Intro oder Extro: Du wirst in der Welt der Wissenschaft Situationen erleben, die du leicht bewältigen kannst, während du andere Dinge als schwierig erlebst. Sehen wir auf einige typische Aufgaben und Herausforderungen – mit der Frage: Wie kannst du als intro- oder als extrovertierte Persönlichkeit die besten Ergebnisse erzielen? Und wie kannst du typische Hürden ausgleichen?

Kommunikation im Team

30 bis 50 Prozent der Bevölkerung sind introvertiert – überall. Die Chancen stehen also gut, dass du am Promotionsort mit Intros und Extros zu tun hast.

Als Intro …

… bist du im Team im Vergleich zu den Extros wahrscheinlich zurückhaltender und weniger aktiv in der Kommunikation. Dafür ist das, was du sagst, meist gut überlegt und solide fundiert. Mach es dir zum Ziel, dich in Meetings, bei Präsentationen und in Diskussionen zu Wort zu melden. Die Beiträge kannst du oft im Vorfeld planen. Oft kennst du viele Details – achte darauf, bei deinem roten Faden zu bleiben. Dass du jederzeit in die Tiefe gehen kannst, wirst du im Zweifel leicht zeigen können.

Als Extro …

...hast du viele Eigenschaften, um die dich Intros beneiden: mitreißende Energie, mutiges Vorwärtspreschen, brillante Strategien der Selbstdarstellung. In der Wissenschaft kann all das aber auch kontraproduktiv sein, weil Gründlichkeit und Vorsicht im Vordergrund stehen. Achte also darauf, das du eine solide Basis für deine Beiträge in Meetings, bei Vorträgen und in Diskussionen hast. Das kostet vielleicht Zeit, bringt dir aber dafür Vertrauen in deine Kompetenz.

Im Gespräch mit der wissenschaftlichen Betreuung

Als Intro …

… hilfst du den Betreuenden deines Dissertationsprojektes, wenn du zielgerichtet und immer wieder kommunizierst. Kläre mit deinen Ansprechpersonen, wie oft sie von dir hören wollen. Biete Zwischenstände und Übersichten an, mitsamt zu klärenden Fragen. Die legst du wahrscheinlich für dich sowieso an. Sorge dafür, dass du mit deiner Arbeit sichtbar wirst.

Als Extro …

… kannst du deine Arbeit womöglich leichter „verkaufen“ als Intros. Achte darauf, die Qualität, die andere erwarten, dann auch zu liefern. Berichte zuverlässig und regelmäßig über die Fortschritte deines Projektes. Höre gerade bei leisen Betreuenden genau hin – Kritik wird von ihnen oft so verpackt, dass sie bei Extros gar nicht richtig ankommt.

Die Arbeit an deinem Projekt

Als Intro …

… liegt dir Schreiben womöglich mehr als das Reden. Auch die Beharrlichkeit ist eine leise Stärke – gut für eine lange Dissertation! Achte darauf, auch regelmäßig mündlich zu kommunizieren und dich mit Menschen auszutauschen, die dich weiterbringen können. Präsentiere Teile deiner Arbeit auf Konferenzen oder auch intern. Rede mit Kollegen, die an ähnlichen Fragestellungen sitzen.

Als Extro …

...fällt dir das Reden womöglich leichter als das Schreiben, und lange Stunden am Computer sind nicht deine Lieblingsbeschäftigung. Teile deine Arbeit in überschaubare inhaltliche oder zeitliche Phasen ein – etwa mit der Pomodoro-Technik. Wechsle deine Aktivitäten, damit dein Stimulationslevel für dich passend ist.

Auf Konferenzen

Als Intro …

… fühlst du dich womöglich gerade in den frühen Phasen deiner Promotion unbehaglich, weil du noch nicht so viele Menschen triffst. Meide die Versuchung, bei den Kolleginnen und Kollegen vom eigenen Institut anzudocken. Gehe auf deine leise Weise auf unbekannte Menschen zu: Bitte darum, vorgestellt zu werden, richte Grüße von jemandem aus, verabrede dich im Vorfeld mit Kollegen, die du interessant findest. Wenn du keinen Smalltalk magst: Lass ihn sein. Sprich über das, was dich an jemandem interessiert. Denke daran, dich an den Diskussionen nach Vorträgen zu beteiligen.

Als Extro …

… hast du wahrscheinlich eher keine Kontaktprobleme. Deine Herausforderung ist es, die Kontakte auch zu möglichen Kooperationspartnern und Unterstützenden zu machen. Halte also fest, was du mit wem besprochen hast. Bleibe nach Konferenzen in Kontakt mit Personen, die dir wichtig sind. Und: Bremse dich in deinen Redebeiträgen und höre zu. Du wirst erstaunliche Dinge erfahren – gut fürs Belohnungszentrum. Auch während der typischen Konferenz-Socials gilt: Du bist auf einem professionellen Präsentierteller. Stelle deine Kommunikation darauf ein.

Alle guten Wünsche für dein Dissertationsprojekt. Nutze deine Stärken als Intro oder Extro!