Vier Stunden sind genug

Wie ich promovierte. Und trotzdem ein Privatleben hatte.

60 Stunden, 80 Stunden, 100 Stunden – die Forderungen an die Arbeitszeit von Promovierenden muten absurd an. Aber nicht nur der äußere Druck ist immens, oft sind es auch die eigenen Ansprüche, die einen dazu bringen, von morgens um neun bis abends um elf Uhr im Labor, in der Uni-Bibliothek oder am Institutsarbeitsplatz zu forschen und zu schreiben. Schließlich will man um jeden Preis und möglichst frühzeitig Fortschritte in der Promotion erzielen und diese auch nach außen kommunizieren.

Glaubt man jedoch den Daten der Winbus-Studie 2011 (aktuellere liegen leider nicht vor), verbringen Promovierende, egal ob in einem strukturierenden Programm oder frei promovierend, pro Tag nur etwa 4,5 Stunden mit ihrer eigentlichen Promotion. Auch wenn sie insgesamt im Schnitt fast acht Stunden arbeiten, ist der Rest der Zeit mit anderen Forschungstätigkeiten, Lehre und administrativen Aufgaben gefüllt. Sich klarzumachen, dass selbst bei einem guten Zeitmanagement ohnehin im Schnitt nur vier bis fünf Stunden konzentrierte Arbeit an der Promotion drin sind, hilft, den Kopf für andere Dinge freizukriegen.

All diese Fakten habe ich nicht gekannt, als ich die Zusage zu meinem Promotionsstipendium erhalten habe. Dennoch ist mir von Anfang an klar gewesen, dass ich es nicht machen wollte wie die meisten Promovierenden in meiner Umgebung, von denen ich den Eindruck hatte, dass sie nur noch zum Schlafen nach Hause gingen. Mein werktäglicher Stundenplan für meine geisteswissenschaftliche Doktorarbeit hat so ausgesehen:

  • 9 bis 13 Uhr: Intensives Lesen oder Schreiben an der Promotion.

  • 13 bis 14 Uhr: Mittagspause.

  • 14 bis maximal 17 Uhr: Bei Bedarf noch Bibliotheksbesuche, Gespräche mit anderen Promovierenden oder dem Doktorvater, leichte Recherchetätigkeiten. Allerdings ist dies wirklich nach Bedarf geschehen – die meisten meiner Arbeitstage waren schon deutlich vor 17 Uhr zu Ende.

  • ab 17 Uhr: Schluss, Sport, Spaß mit Freunden.

Im Laufe der Promotion hat sich herausgestellt, dass dieser – zugegebenermaßen etwas rigide – Stundenplan ziemlich effizient war. Ich hatte schon einige Vorarbeit in der Zeit vor meinem Stipendium geleistet, trotzdem habe ich die weitaus größere Menge an der konkreten Arbeit in den zwei Jahren des Stipendiums erledigt. Ich habe in dieser Zeit die Promotion fertiggestellt und abgegeben.

Mir ist bewusst, dass das Promotionsstipendium ein großer Luxus war, da es mir erst eine solche Zeiteinteilung ermöglicht hat. Die Realität anderer Promovierender mit (über-)fordernden Betreuern, schwierigen Laborzeiten und zusätzlichen Lehrverpflichtungen sieht sicher anders aus. Dennoch habe ich aus meiner Arbeitsweise ein paar Erkenntnisse gewonnen, die zumindest für diejenigen unter euch nützlich sein könnten, die einigermaßen frei über ihre Zeit verfügen können.

Vier Stunden sind genug.

Die Konzentrationsspanne bei einem Erwachsenen liegt bei 45 bis 90 Minuten. Ich glaube Menschen bis heute nicht, wenn sie mir erzählen, dass sie sich fünf Stunden und mehr am Stück konzentrieren können, ohne in ihren Leistungen nachzulassen. Die Mehrheit der im Halbschlaf in der Uni-Bibliothek über Büchern kauernden Zombies gibt mir recht.

Dein größter Feind ist die Prokrastination.

Auch etwas, was ich bis heute nicht glauben kann (aber in Einzelfällen durchaus stimmen mag): dass Leute in Uni-Bibliotheken ernsthaft besser vorankommen als an einem Einzelarbeitsplatz zu Hause, im Co-Working-Space oder im Büro an der Fakultät. Mir ist es bei meinen rar gehaltenen Besuchen in der Bibliothek jedenfalls immer so vorgekommen, als ob sich a) alle Leute kennen und b) alle Leute ständig miteinander Kaffee trinken. Das mag die Arbeitsatmosphäre enorm entspannen, trotzdem würde ich es aber eher unter das Stichwort „Prokrastination“ fassen. Die Arbeit aufschieben, das geht natürlich genauso gut mit allen möglichen sozialen Medien vom Heimarbeitsplatz aus. Wenn man das mit den vier Stunden also ernsthaft durchziehen will, sollte man in dieser Zeit auch wirklich arbeiten – und sich nicht nur an einem Ort befinden, an dem es so aussieht, als ob man es täte.

Dein zweitgrößter Feind sind die anderen.

Und zwar die, die dir erzählen, dass es unbedingt nötig sei, unendlich lang irgendwo herumzusitzen, um brauchbare Ergebnisse zu erzielen. Professorinnen, die milde über die vermeintlich faule Generation Y lächeln oder dich gar unter Druck setzen sowie Mitdoktoranden, die sich gegenseitig übertrumpfen in ihren heldenhaften Erzählungen von den 100-Stunden-Wochen – sie sind das wahre Problem. Gegen diese Art von Angriff auf die Vier-Stunden-Taktik hilft nur eines: sich an den Fortschritten und Ergebnissen messen zu lassen, die man selbst erzielt. Ich bin mir sicher, dass du bei einem effizient genutzten Vier-Stunden-Rhythmus eine gute Chance hast, sehr bald mit vorzeigbaren Ergebnissen aufwarten zu können.

Überwinde deinen Perfektionismus!

Die größte Gefahr bei Promotionen besteht darin, seinen eigenen Zeitplan hemmungslos zu überziehen, weil man ständig das Gefühl hat, nicht alles zu wissen und erforscht zu haben. Natürlich gibt es Fälle, in denen es sinnvoll ist, sich über die selbstgesetzten Grenzen hinwegzusetzen und noch einmal in andere Richtungen zu blicken. Aber im seltensten Fall ist es nötig, diesen neuen Richtungen noch am selben Tag nachzugehen. Wenn es spät geworden ist: Schlag das Buch zu. Speichere dein Dokument. Schließ die Tür zu deinem Büro ab und komm am nächsten Tag mit neuen Energien wieder. In der Zwischenzeit: Treib Sport, mach was mit deinen Freunden, schlaf genug. All diese Tipps, die du schon hundertmal gelesen hast. Und die gerade deshalb vermutlich sogar stimmen.