Nur ein Kanal, aber dafür richtig

Immer mehr Promovierende sind in den sozialen Medien unterwegs. Das hat gute Gründe.

Wissenschaftskommunikation: Dahinter verbirgt sich oft mehr als nur der Wunsch nach Selbstbeweihräucherung. Immerhin erreichen spannende Forschungsgeschichten nicht nur Fachkollegen, sondern ein breites Laienpublikum. Es profitieren all jene, die sich aus erster Hand über wissenschaftliche Fragen informieren wollen. Auch für den Doktoranden selbst kann die Außendarstellung Vorteile bringen und die Karrierechancen vergrößern: Schließlich sind unter den Lesern auch Personalverantwortliche, Politiker und Journalisten.

 

Hinzu kommt: Wer über sein Doktorandenleben berichtet, fühlt sich weniger auf sich allein gestellt. Die alltäglichen Höhen und Tiefen der Promotion in Tweets und Kommentaren zu teilen, verbindet und motiviert, weiter am Ball zu bleiben.

  • Soziologin Bibi etwa dokumentiert auf Twitter unter dem Hashtag #WiMaLife erfolgreiche Veröffentlichungen, internationale Konferenzbesuche, aber auch weniger produktive Prokrastinationsphasen.

  • Kommunikationswissenschaftlerin Susann Kohout stellt auf ihrem Blog phdlog.de den Prozess der Theorieentwicklung und des wissenschaftlichen Arbeitens in den Mittelpunkt. Das Selbstexperiment ist aber auch Anlass, sich mit Fachkollegen zu vernetzen und über gemeinsame Forschungsthemen auszutauschen.

  • David Lohner nimmt seine Zuschauer in seinen YouTube-Videos mit auf das Abenteuer Promotion. Es bietet sich an: Schließlich will er mit einer Studie herausfinden, wie videobasierte Online-Kurse aussehen müssen, damit Studierende sie gut finden. Und am Ende wird er nicht nur seine Doktorarbeit in den Händen halten, sondern eine Menge über Didaktik, Kamera- und Schnitttechnik und Online-Kommunikation in der Wissenschaft gelernt haben.

Bibi, Susann und David präsentieren nicht nur sich selbst im Netz, sondern auch ihr Wissen und ihre Fähigkeiten. Das macht sie zu Experten – und beschert ihnen Anfragen für Interviews und Vorträge – und vielleicht einen Vorteil bei der nächsten Jobbewerbung. 

Andere Promovierende haben ein gewisses Sendungsbewusstsein. Sie wollen die Welt mit ihrem Wissen ein Stück besser machen, zum Beispiel über die Chancen und Risiken von Genome-Editing-Techniken aufklären. So wie Kai Fiedler. Der Doktorand beschreibt sein Verhältnis zu seinen Forschungsthemen in seinem Blog so:

„Mein Ziel ist es, in der Öffentlichkeit ein breiteres Interesse für diese zukünftig immer wichtiger werdenden Themen zu schaffen und einen Teil zu einer nötigen Diskussion beizutragen, anstatt dem Schwarz-Weiß-Denken von Gentechnik-Firmen und Umweltschutzorganisationen die alleinige Meinungsmacht zu überlassen.“

Wissenschaftskommunikation hat eben auch eine politische Dimension. Der Psychologe Martin Grund etwa nutzt Twitter, um sich in wissenschaftspolitische Diskussionen einzubringen, Lobbyarbeit zu betreiben und sich mit Akteuren zu vernetzen, wie er im Interview mit der Plattform wissenschaftskommunikation.de verrät.

Solltest du jetzt Lust bekommen haben, dich ins Kommunikationsabenteuer zu stürzen, solltest du das nicht blindlings tun. Sich eine kleine Kommunikationsstrategie zurechtzulegen, hilft, den Überblick zu behalten.

Ziel festlegen

Was bezweckst du mit deinen Social-Media-Aktivitäten? Es macht einen großen Unterschied, ob du auf der Suche nach einer Postdoc-Stelle bist, eine Selbstständigkeit als Wissenschaftsmoderator aufbauen möchtest oder eine Drittmittelfinanzierung für das aktuelle Forschungsprojekt anstrebst. Die innere Motivation ist der wichtigste Antrieb für Phasen, in denen kaum Zeit zum Bloggen oder Tweeten bleibt und man am liebsten alles wieder hinwerfen möchte. Das Ziel ist Ausgangspunkt für alle weiteren Schritte: Mit wem rede ich online? Über was kommuniziere ich? Twitter, Facebook oder Instagram? Und was mache ich mit Veröffentlichungen im Netz, die bereits über mich existieren? Daher: Stift und Papier zur Hand nehmen und das Ziel schriftlich festhalten, um sich im Bedarfsfall den Grund in Erinnerung zu rufen.

Eine Zielgruppe ins Auge fassen

Wenn das Ziel klar ist, fällt es leichter, relevante Adressaten und Stakeholder zu identifizieren. Will ich Arbeitgeber von mir überzeugen oder ein großes Publikum aufbauen, das regelmäßig meine Wissenschaftsvideos schaut? Häufig wird es mehrere Zielgruppen geben, die zur Umsetzung des Ziels eine Rolle spielen. Sich zu Beginn nur auf eine einzelne zu konzentrieren kann helfen, sich nicht zu verzetteln. Alle anderen lesen trotzdem mit.

Ein Thema finden

Welche Assoziationen soll dein Name in den Köpfen der Menschen hervorrufen, die du erreichen willst? Häufig lässt sich diese Frage mit Blick auf das eigene Forschungsthema ganz gut beantworten. Doktorand Robert Hoffie zum Beispiel kommuniziert auf Twitter vor allem über Pflanzenforschung und Gentechnik und macht dies bereits in seiner Twitter-Profil-Beschreibung deutlich.

Sich auf einen Kanal beschränken

Ziel, Zielgruppe und Thema führen meistens auf einen bestimmten Social-Media-Kanal hin, der sich zur Umsetzung aller Ideen am besten eignet. Die Wissenschaftscommunity tummelt sich traditionsgemäß auf Twitter, entdeckt aber auch mehr und mehr Instagram. Die Wahl des geeigneten Kanals bleibt dennoch eine Frage der persönlichen Präferenz. Womit fühle ich mich am wohlsten? Welcher Kanal entspricht meiner Art zu kommunizieren am besten?

Online-Inventur machen

Die gute Nachricht ist: Kaum jemand muss wirklich bei Null anfangen, denn fast jeder hat Social-Media-Erfahrungen. Mit ein bisschen Arbeit kommt System in bisher zufällig hinterlassene Spuren im Netz. Die Fragen, die du dir stellen solltest, lauten: Welche Online-Profile habe ich schon? Ist es sinnvoll, Inkognito-Profile in Zukunft mit Klarnamen zu verwenden? Welche Artikel sind online von mir verfügbar? Kann ich diese verlinken? Welche existierenden Fotos oder Vortragsfolien kann ich auf meine Website oder meinen Blog stellen?

Muss jetzt jeder bloggen, vloggen oder podcasten?

Selbstverständlich funktioniert eine Promotion auch heute noch ohne Social Media. Wenn dir die ständige Kommunikation mit der Öffentlichkeit nicht liegt, kannst du ruhig einen Gang runterschalten. Statt täglicher Twitterinteraktion oder monatlich produzierten Podcastfolgen kannst du auch mit einer gepflegten Webseite bei Arbeitgebern punkten.

Die Türen, die Social Media auch in der Wissenschaftswelt öffnet, sind erfahrungsgemäß jedoch nicht zu unterschätzen. Nicht nur gehört Wissenschaftskommunikation immer häufiger zu den erfolgsrelevanten Kriterien bei Forschungsanträgen. Auch können dir über soziale Medien geknüpfte Kontakte auf deinem weiteren Karriereweg behilflich sein.

Freie Promotions- oder Postdoc-Stellen verbreiten sich übrigens im Twitterfeed oder in der Facebook-Gruppe häufig schneller als in jeder Jobbörse – und nicht selten ausschließlich dort.