Mentale Gesundheit – noch immer ein Tabuthema in der Wissenschaft?

Die enge Verflechtung von mentaler Gesundheit der Promovierenden mit deren Arbeitsbedingungen.
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Die Dissertation an einer Universität oder einer außeruniversitären Forschungseinrichtung wird häufig als die glorreiche Krönung eines erfolgreichen akademischen Studiums wahrgenommen. Zwei voneinander unabhängige Umfragen des Deutschen Zentrums für Hochschulentwicklung (DZHW – Nacaps) sowie der Doktorandenvertretungen Helmholtz Juniors, Max Planck PhDnet und Leibniz PhD Network im Jahr 2019 zeichnen ein recht heterogenes Bild mit einzelnen Gemeinsamkeiten hinsichtlich der Arbeitsbedingungen einer Promotion an einer Universität oder einer außeruniversitären Forschungseinrichtung. Universitäre Doktorand*innen erhalten zu fast 100 % befristete Arbeitsverträge, während die Zahl an Forschungsinstituten lediglich bei 60 % liegt. Im Allgemeinen erhält die Mehrheit der Doktorand*innen TVöD/L–Verträge mit 50–65 % Arbeitszeit (20–40 Stunden pro Woche). Mehr als zwei Drittel der Kolleg*innen arbeiten mit 40–60 Stunden pro Woche jedoch deutlich mehr als vertraglich vereinbart. Hinsichtlich der Betreuungsqualität sind die Doktorand*innen überraschend zufrieden, und immer mehr können eine sogenannte ‚Betreuungsvereinbarung’ mit festgelegten Arbeitspaketen, einer Projektmindestlaufzeit sowie einem regelmäßigen Austausch mit ihrer*ihrem Betreuer*in vor Beginn ihrer Promotion vorweisen. Auffallend intensiv fällt der Austausch zwischen Doktorand*innen und ihren Betreuer*innen an außeruniversitären Forschungseinrichtungen aus (58,7 % täglich bis wöchentlich), während an Universitäten nur eine Minderheit von 24,3 % einen ähnlich häufigen Austausch vorweisen kann. Bereits in der Vergangenheit hatten Studien gezeigt, dass gutes Mentoring überproportional mit einer hohen allgemeinen Zufriedenheit korrelierte; wesentlich waren vor allem die Orientierungshilfe und Anerkennung durch die Betreuer*innen. Dabei spielen auch die vielfältigen Aufgaben neben der Doktorarbeit an einer Universität wie etwa die Betreuung von Praktika, Tutorien oder Übungen eine Rolle. Neben ihrer Forschung sind fast zwei Drittel der Doktorand*innen an außeruniversitären Einrichtungen in einer Graduiertenschule mit unterstützendem Graduiertenprogramm eingeschrieben, während dies an Universitäten nur bei etwas über einem Drittel der Fall ist. Verbunden mit der hohen Arbeitsbelastung in der Promotion denken beiderseits etwa 60 % gelegentlich bis häufig darüber nach, ihre Doktorarbeit abzubrechen. Gründe für diesen Gedankengang sind vor allem die hohe Arbeitsbelastung, Probleme mit der Betreuung sowie Zweifel an der Eignung für eine Promotion und die schwere Realisierbarkeit des Themas.

In diesem Zusammenhang spielt die mentale Gesundheit der Doktorand*innen, aber auch der Beschäftigten in der Wissenschaft im Allgemeinen, eine immer wichtigere Rolle (nachzulesen hier und hier). Bereits im Jahr 2017 stuften 29 % der Teilnehmer*innen einer Studie des renommierten Journals Nature das Thema ‚mentale Gesundheit’ als besonders wichtig ein, während weniger als die Hälfte von ihnen professionelle Hilfe in diesem Zusammenhang gesucht hatte. Unter den Hilfesuchenden fühlten sich viele nicht unterstützt oder konnten keine Beratungsangebote zu diesem Thema an ihrem Standort finden. Schon länger steht der kontinuierliche Leistungsdruck im Verdacht, für die suboptimale mentale Gesundheit von Wissenschaftler*innen mitverantwortlich zu sein. Die Umfrage unter den Promovierenden der drei größten außeruniversitären Forschungseinrichtungen Deutschlands haben wir anhand der Quellen State Trait Anxiety Inventory (STAI) und Beck’s Depression Scale durchgeführt. Im Zuge dieser Befragung ergab die Auswertung, dass fast jede*r Zweite depressive Episoden im Laufe seiner Promotion erlebt. Und sogar mehr als zwei Drittel der Teilnehmer*innen gaben an, von Angstzuständen betroffen zu sein. Zum Vergleich: Der jährliche Bericht der Deutschen Depressionshilfe gibt an, dass etwa 6 % der deutschen Bevölkerung mit einer Depression diagnostiziert werden. Grob gesagt, leiden Doktorand*innen somit etwa zehnmal häufiger an depressiven Episoden als der deutsche Bevölkerungsquerschnitt. Ein Drittel der Deutschen weist jährlich Symptome auf, die dem Spektrum der Angstzustände zugerechnet werden, Doktorand*innen erfahren dies immer noch doppelt so häufig. Eine höhere Wochenarbeitszeit, genauso wie vermehrtes Arbeiten an Feiertagen und Wochenenden, führte zu erhöhten Werten für Depressionen sowie für Angstzustände unter den Doktorand*innen. Ähnliche Zusammenhänge konnten bei zeitlichen Rückständen im Vergleich zum eigentlichen Projektplan sowie bei Unzufriedenheit mit der Betreuung beobachtet werden. Diese Zahlen sprechen für eine starke Abhängigkeit der mentalen Gesundheit von den Arbeitsbedingungen während der Doktorarbeit sowie vom Verlauf des Promotionsprojektes.

Seit Beginn der Pandemie mit den daraus folgenden Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln sind Doktorand*innen mehr als zuvor allein mit ihren Sorgen und Problemen. Videokonferenzen ersetzen Projekttreffen, Seminare und soziale Unternehmungen werden gestrichen und Doktorand*innen arbeiten, wenn möglich, von zu Hause aus. Darunter leidet nicht nur der wissenschaftliche Diskurs, sondern in Konsequenz auch die Leistung und der wissenschaftliche Output. Zumal im Deutschland-Barometer Depression der Rückzug aus sozialen Aktivitäten sowohl als Treiber als auch Indikator genannt wird. Erst nach Ende der Pandemie wird sich zeigen, wie sehr, frei nach Gerty Cori (Biochemikerin, Nobelpreis für Glykogen-Metabolismus 1947), die Wissenschaft und ihre Leistungsträger unter dem Chaos und der Distanz gelitten haben:

„Für einen Forscher sind die unvergessenen Momente seines Lebens jene seltenen, die nach Jahren mühsamer Arbeit entstanden sind, wenn das Geheimnis um die Natur plötzlich gelüftet ist und wenn das, was dunkel und chaotisch war, in einem klaren und schönen Licht und Muster erscheint.“