Gescheitert, angekommen, glücklich

Ob eine Promotion das Richtige für einen ist, merkt man oft erst mittendrin. Manchmal ist Aussteigen die beste Option. Ex-Doktoranden berichten.

„Ich habe mich für unfähig gehalten“

Annabell hat nach anderthalb Jahren ihre naturwissenschaftliche Promotion abgebrochen, jetzt macht sie ein Praktikum als Imkerin.

„Meine Kollegen habe mich genervt. Alle waren ständig auf Wettbewerb aus. Statt sich über Inhalte zu unterhalten, haben sie permanent über ihre tollen Jobangebote und Veröffentlichen gesprochen. Wer über etwas anderes als Forschung sprach oder nicht bereit war, bis Mitternacht zu bleiben, war unten durch. Irgendwann habe ich angefangen, zu glauben, dass ich nichts kann – obwohl ich objektiv gesehen durchaus erfolgreich war. Nachdem auch das Thema nicht ganz zu meinen Interessen gepasst hat – es war sehr praxislastig, ich bin aber eher eine Theoretikerin –, viel es immer schwerer, die Zähne zusammenzubeißen und das System zu ertragen. Zugleich hat mich der Gedanke gefesselt, ich könne das Projekt doch nicht einfach so alleine lassen. Als ich mich doch dazu durchgerungen habe, meinen Abbruch zu verkünden, eröffneten sich neue Chancen. Bemerkenswert finde ich, dass meine Freunde von außerhalb der Wissenschaft sagten, ich solle durchhalten und noch eben den Titel mitnehmen. Aber diejenigen, die im System drin waren, haben verstanden, warum ich sofort aufhören wollte. Im Moment mache ich ein Praktikum als Imkerin. Das heißt nicht unbedingt, dass ich am Ende als Imkerin tätig sein werde. Ich bin erst mal einfach einer Idee gefolgt.“

„Von meinen Kindern gelernt“

Tobias hat fünf Jahre lang an einer Promotion in Wirtschaftswissenschaften gearbeitet. Jetzt wird er Grundschullehrer.

„Ich habe meine wirtschaftswissenschaftliche Promotion abgebrochen – nach fünf Jahren. Die Entscheidung hat mich belastet und sie hat sich lange hingezogen, aber ich kann sie mit mir vereinbaren. Wahrscheinlich, weil ich bereits zu Beginn an einer Zukunft als Wissenschaftler gezweifelt habe. Das Promotionsvorhaben hat sich damals ergeben, weil mir nach der Masterarbeit eine Stelle angeboten wurde und ich die damit verbundenen Aufgaben von Organisation, Klausurkorrektur oder Lehre sehr gerne gemacht habe. Mit der Zeit habe ich immer mehr davon übernommen, nur mit der Dissertation ging es nicht so richtig voran. Ich denke, mir hat die intrinsische Motivation gefehlt. Natürlich hätte ich früher abbrechen können, aber ich hatte auch keine richtige Alternative und neben einer sinnvollen Tätigkeit gute Arbeitsbedingungen. Wegen meiner Kinder waren die flexiblen Bürozeiten ideal, dazu kam die relativ gute Bezahlung. Als der Vertrag auslief, habe ich mich ernsthaft gefragt, ob ich in der Wissenschaft bleiben will. Mich hat gestört, dass sie eine Art Vakuum ist, in der man für eine kleine Zielgruppe schreibt. Stattdessen wollte ich mehr Kontakt zur Wirklichkeit. Das haben mir auch meine Kinder gezeigt. Durch sie gewann ich Distanz von der Uni und habe mich gefragt, worum es mir eigentlich im Leben geht. Die Kinder waren es auch, die mich auf die Idee brachten, Grundschullehrer zu werden. In Berlin suchen sie dafür Quereinsteiger. Jetzt arbeite ich als Lehrer und absolviere parallel Seminare. Es ist zeitaufwändig, aber es fühlt sich gut an.“

„Wie nach dem Abi“

Jannick hat zwei Jahre in Soziologie promoviert und abgebrochen, um Journalist zu werden.

„Ich dachte zuerst, die Promotion sei der leichteste und natürlichste Weg – außer Nebenjobs kannte ich ja auch nur akademische Arbeit. Da ich keine Finanzierungsmöglichkeit fand, fing ich an, nebenher als freier Journalist zu arbeiten und habe gemerkt, dass mir das genauso viel Spaß macht. Die Aufgaben sind ziemlich ähnlich: Man sammelt Informationen, strukturiert sie und schreibt sie zusammen. Anders als in der Wissenschaft bekommt man dafür aber schnelles Feedback und Geld. Ich hatte durchaus auch ein gewisses ideelles Interesse an der Wissenschaft, aber ich kam mir immer wie ein Bittsteller vor. Als ich mich sowohl für eine Graduiertenschule als auch für ein Volontariat bei einer Tageszeitung beworben habe, war ich noch unentschieden. Die Zusage von der Zeitung kam zuerst – und ich landete dort. Ohne es wirklich geahnt zu haben, mache ich mittlerweile genau das, was ich immer wollte. Die zwei Jahre, in denen ich mich mit meinem Promotionsprojekt beschäftigt habe, sehe ich nicht als vertane Zeit an, sondern als wichtige Orientierungsphase – ein bisschen wie nach dem Abi. Wenn man tagesaktuell als Lokaljournalist arbeitet, dann ist das, was dabei herauskommt, natürlich manchmal etwas oberflächlich. Aber wenn ich irgendwann mal mehr in die Tiefe gehen will, geht das auch: Dann werde ich mich nach einem Job bei einer Wochenzeitung oder einem Magazin umsehen.“

„Hinhaltetaktik des Professors“

Hendrik hat zwei Jahre lang in Jura promoviert, jetzt absolviert er ein Referendariat.

„Ich hatte durch die Arbeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter nicht genügend Zeit für die Diss. Da habe ich irgendwann kein Land mehr gesehen. Eigentlich war ich für 20 Stunden pro Woche bei meinem Betreuer angestellt, de facto waren es etwa 25 Stunden. Ich hatte zu viele Zuständigkeiten und sollte 24/7 erreichbar sein. Das hat einen Druck erzeugt, von dem ich mich irgendwann nicht mehr distanzieren konnte. Auch vor meiner Promotion habe ich schon am Lehrstuhl gearbeitet, insgesamt fünf Jahre; dabei habe ich beobachtet, wie viele eine Dissertation anfangen – und dass nur eine Handvoll abschließen. Die meisten von ihnen kündigen irgendwann ihre Stelle, um sich ganz auf die Dissertation zu konzentrieren. Das hätte ich finanziell nicht hinbekommen. Im Nachhinein denke ich, dass die hohe Arbeitsbelastung eine bewusste Hinhaltetechnik des Professors war. Je länger wir für ihn arbeiteten, desto wertvoller wurden wir für ihn. Einer hat die Dissertation nach zehn Jahren abgeschlossen. Auch wenn ich von vielen Seiten und auch anderen Professoren Verständnis bekam, zweifelte ich natürlich manchmal auch an mir selbst. Denn es gibt ja doch Leute, die das geschafft haben – mit einer 60-Stunden-Woche. Das Schwierigste für mich war, anderen gegenüber zu kommunizieren, dass ich abgebrochen und damit zwei Jahre vergeudet habe. Jetzt mache ich das Referendariat. Wenn ich andere sehe, die die Promotion geschafft haben, bin ich manchmal enttäuscht.“

„Promotionsinflation hat mich skeptisch gemacht“

Florentin hat zweieinhalb Jahre an einer Promotion in Germanistik gearbeitet, jetzt hat er einen Job in der Univerwaltung.

„Ich habe irgendwann keinen Sinn mehr in der Arbeit gesehen. Das Thema war politisch und für die aktuelle Zeit nicht unwichtig. Aber trotzdem habe ich mich gefragt, ob das wirklich jemand anderem etwas bringt, oder ob es reiner Selbstzweck ist und nur dazu dient, einen Titel zu erlangen. Zudem habe ich in meinem Umfeld beobachtet, dass zu der Zeit viele eine Promotion angeboten bekommen haben. Diese Inflation hat mich skeptisch gemacht, schließlich sollte ein Doktortitel doch einen gewissen Wert haben. Und dann muss man sich auch einmal klar machen, was es konkret bedeutet, zu promovieren: sich lange hinsetzen und fleißig sein. Das ist gut, aber doch auch kein Gütesiegel für alles. In meinem Job in der Uni-Verwaltung erwerbe ich auch viele Fähigkeiten. Die Tätigkeit, die ich zunächst in Teilzeit machte, um mich zu finanzieren, konnte ich zu einer Vollzeitstelle aufstocken, als ich die Dissertation abgebrochen habe. Jetzt verdiene ich anständig; Geld war neben der Sinnkrise der zweite wichtige Grund für den Abbruch. Ich hatte während der Promotion genauso wenig wie als Student und musste langsam die Studienkredite und das Bafög zurückzahlen. Bis ich ein Stipendium bekommen hätte, hätte es lange gedauert, und da die meisten weltanschaulich gebunden sind, schienen sie mir nicht attraktiv. Die Existenzängste haben mich belastet, nach zweieinhalb Jahren brach ich ab. Ich wollte nicht mehr länger rumkrebsen.“

 

Die Namen wurden von der Redaktion geändert.