Gelingendes Promovieren von links

Fünf Fragen an Marcus Hawel, Referent für Bildungspolitik und stellvertretender Direktor des Studienwerks der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
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In einem Interview hat unsere Redakteurin Hannah Pöhlmann Marcus Hawel nach den Voraussetzungen für die Bewerbung um ein Promotionsstipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung, seinen Tipps für die Suche nach einer kritischen Forschungsfrage und seiner eigenen Promotion befragt.

Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Wie findet man eine geeignete Forschungsfrage? Kannst du uns ein paar Tipps geben?

Marcus Hawel
Interviewpartner

Geisteswissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Forschungsfragen, das habe ich seit meiner Tätigkeit der Stipendienvergabe im Promotionsbereich des Studienwerks der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) erkannt, lassen sich aus zwei oder drei Hauptquellen hervorbringen: Betroffenheit (z. B. eigene Diskriminierungserfahrungen), vorherigem gesellschaftspolitischen Engagement (z. B. in der Friedensbewegung) oder manchmal aus mehr oder weniger rein wissenschaftlichem, rationalen Interesse (z. B. aus einem philosophischen Problem). Das ist sicherlich eine Frage des eigenen Denkens und Fühlens (Mentalität), auch der eigenen Herkunft und Biografie sowie eine Frage des Wissenschaftsverständnisses.
Immer geht es allerdings darum, die Forschungsfrage nicht einzig und allein aus dem eigenen Interesse zu entfalten. Das Interesse ist zwar sehr wichtig, um ein Thema zu finden, das einen selbst genügend und nachhaltig motiviert, sodass man über einen Zeitraum von mehreren Jahren die Lust daran nicht verliert. Aber eine Promotion dient als Nachweis des eigenständigen wissenschaftlichen Arbeitens und soll neue Erkenntnisse zu Tage fördern. Daher geht es auch um die wissenschaftliche Relevanz eines Themas, und die Forschungsfrage knüpft an einen bisherigen Forschungsstand an. Man muss die Lücken in der Forschung finden. Aber Forschungslücken können ganz unterschiedlich sein. Man kann einen Wissenschaftsvergleich oder eine Ableitung vornehmen. Man kann z. B. auch eine Neubewertung im Spiegel sich wandelnder Verhältnisse vornehmen, die es so noch nicht gibt.
Selten bleibt die Forschungsfrage, wie sie einem am Anfang erschienen ist. In der Regel wandelt sie sich bis zum Abschluss der Arbeit. Denn mit dem Gang ins Archiv, in die Bibliothek, zum Doktorvater oder der Doktormutter usw. verändert sich sukzessive und manchmal auch abrupt das eigene Interesse am Thema. Denn es geht darum, etwas Neues zu erforschen. Das Neue muss so beständig sein, dass die Frage über einen sehr langen Zeitraum relevant bleibt. Lücken erweisen sich anders als man angenommen hat. Der oder die wissenschaftliche Betreuer*in redet mit und möchte ggf. eine andere Ausrichtung oder die Anwendung einer anderen Methode. Die Forschungsfrage muss, damit sie leistbar ist, oftmals stärker eingegrenzt oder manchmal auch ausgeweitet, verschoben werden, weil etwa die Zugänge zu Quellen, empirischen Feldern, Expert*innen und anderen Interviewpartner*innen ansonsten nicht oder nur schwer gegeben sind. Sprachliche Zugänge, die Bereisbarkeit etwa von Krisenländern muss gegeben sein, ohne sein Leben übermäßig zu gefährden (nicht jede*r traut sich nach Afghanistan oder nach Rojawa).
Steht man bei der Suche nach einer Forschungsfrage noch am Anfang, empfehle ich eine Auszeit im Ausland, um besser in sich hineinzuhorchen, welche Themen einen interessieren. Ich selbst bin zu diesem Zweck z. B. für ein halbes Jahr durch Indien gereist. Räumliche Distanz und Entfremdung von seiner eigenen Komfortzone können dabei sehr hilfreich sein, ein Thema zu finden. Oder man geht auf wissenschaftliche Tagungen und holt sich dort Anregungen. Ich selbst saß bereits in Oskar Negts Doktorand*innenkolloqium als ich noch Student war. Hilfreich ist es auch, sich aus der Bibliothek ca. ein Dutzend fertige Dissertationen zu den unterschiedlichsten Themen auszuleihen und sie querlesend durchzublättern. Das hilft zu erkennen, wie unterschiedlich man in der Wissenschaft vorgehen kann und dass im Grunde alle mit Wasser kochen. Das regelmäßige Lesen einer Tageszeitung kann ebenfalls bewirken, dass man auf Themen aufmerksam wird. Eine (sozial)philosophische Grundbildung kann auch sehr hilfreich sein. Aus allen diesen Dingen lassen sich Anfangsüberlegungen zu einer Forschungsfrage generieren. Der Gang in die Bibliothek, das Recherchieren und Einlesen in das Thema und den bisherigen Forschungsstand muss dann aber folgen, denn wie gesagt: Es geht ganz wesentlich darum, Forschungslücken zu finden.

Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Ich nehme an, man muss sich politisch engagieren, um ein Promotionsstipendium bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu bekommen. Stimmt das?

Marcus Hawel
Interviewpartner

Ja. Das ist eine wichtige Voraussetzung. Das Promotionsthema kann noch so relevant und spannend oder die Kompetenzen und bisherigen Leistungen können noch so überzeugend sein, wenn das gesellschaftspolitische Engagement fehlt, kann man bei der RLS kein Stipendium bekommen.
Bei einer parteinahen Stiftung wie der RLS wünschen wir uns als Studienwerk der RLS ein Engagement, das im breiten linken Feld wurzelt – es muss kein politisches Engagement in der Partei DIE LINKE sein. Es kann auch soziales, kulturelles, künstlerisches, hochschulpolitisches, vereinspolitisches, gewerkschaftliches, parteipolitisches oder autonomes Engagement sein. Wichtig ist, dass es nicht Jahre zurückliegt, sondern aktuell ist. Aber auch ein aktuelles Engagement, das erst vor kurzem begonnen wurde, wiegt für uns nicht so viel wie ein lang angehaltenes, kontinuierliches Engagement.

Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Was wird von euren Stipendiaten neben der Fertigstellung der Dissertation erwartet (Vorträge, Publikationen, Workshops etc.)?

Marcus Hawel
Interviewpartner

Während der Promotionsförderung erwarten wir eine Konzentration auf die Promotionsarbeit, weil das der vordergründige Zweck der Förderung ist, den auch die staatlichen Zuwendungsgeber wie das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und das Auswärtige Amt (AA), die uns die finanziellen Mittel zur Vergabe von Stipendien zur Verfügung stellen, es erwarten. Dann allerdings geht es auch darum, sich in das Netzwerk der Stiftung einzubringen, sich aktiv an unseren inhaltlichen Projekten und am stipendiatischen Leben zu beteiligen, so gut es eben geht. Wir bieten ein umfangreiches Programm der ideellen Förderung von Doktorand*innenseminaren über Workshops, Bildungsreisen und Vernetzungsmöglichkeiten bis hin zu Bildungswerkstätten, Coaching, Hilfestellungen beim Zeitmanagement, Schreiben usw. Da wir ein weitgehendes, partizipatives Bildungsverständnis und Modell der Mitbestimmung praktizieren, könnten wir weite Teile unseres ideellen Förderprogramms nicht aufrechterhalten, wenn sich unsere Stipendiat*innen nicht aktiv einbrächten.
Auch ihr jeweiliges gesellschaftspolitisches Engagement soll während der Promotionsförderung nicht ruhen, wenngleich wir schon möchten, dass es nicht zu viel Zeit von der Promotionsarbeitszeit abzieht. Wir leisten ggf. auch Hilfestellung, wenn es darum geht, alles in ein angemessenes Lot zu bringen. Denn wir gehen von vier Säulen aus, die das Promovieren als Linke*r ausmachen und zwischen denen sich Synergieeffekte für ein gelingendes Promovieren ergeben können. Wir wollen diese Synergieeffekte fördern, daher unterstützen wir nach Kräften und wo wir können diese Effekte.
Linkes Promovieren hat vier Säulen: Die hauptsächlich tragende Säule ist die Dissertationsschrift. Daneben stehen drei unterstützende Säulen: zum einen die Lehrpraxis, die sich idealerweise mit der Forschungsfrage verbindet. In den eigenen Seminaren, die man für Studierende an der Universität gibt, lassen sich Teil- und Zwischenergebnisse der eigenen Forschung präsentieren und diskutieren, Argumente und Thesen ausprobieren. Dasselbe gilt auch für die dritte Säule: die Publikationen und Vorträge auf Tagungen und Kongressen der scientific community. Diese Foren dienen vor allem dazu, das eigene Thema und sich selbst bekannt zu machen, sich zu vernetzen. Die vierte Säule ist das gesellschaftspolitische Engagement, das besonders linkes Promovieren charakterisiert, weil es sich in der Regel mit dem Erkenntnisinteresse verbindet und besondere Synergien schafft, z. B. kann es den Zugang zu empirischen Forschungsfeldern erleichtern. Die vierte Säule ist daher für linkes Promovieren von wesentlicher Bedeutung.
In der neoliberalen Universität kann die Verbindung aus Engagement, Emphase und Erkenntnisinteresse allerdings zu einem entscheidenden Problem werden, da sie von der bürgerlichen Wissenschaft gerne problematisiert bzw. als unwissenschaftlich abgetan wird. Emphase und Engagement verstoßen hin und wieder gegen die Postulate der Werturteilsfreiheit („sine ira et studio“, d.h. ohne Hass und Eifer, also objektiv und sachlich) und der Trennung von Theorie und Praxis. Dieses „objektivistische Selbstmissverständnis“ der bürgerlichen Wissenschaft, wie es Albrecht Wellmer genannt hat, kennzeichnet die inzwischen wieder hergestellte alte hegemoniale Ordnung des wissenschaftlichen Diskurses an den Universitäten, die von der 68er-Generation über mehrere Jahrzehnte nachhaltig infrage gestellt worden war. Daher bieten wir unseren Promotionsstipendiat*innen in der Stiftung geschützte Räume, in denen sie ihre wissenschaftlichen Fragestellungen auch auf ihre gesellschaftspolitische Relevanz hin und mit Leidenschaft diskutieren können.

Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Du hast deine Promotion zum Thema „Die normalisierte Nation. Vergangenheitsbewältigung und Außenpolitik in Deutschland“ geschrieben. Wie bist du darauf gekommen?

Marcus Hawel
Interviewpartner

Als ich 1999 mit dem Studium fertig und auf der Suche nach einem Promotionsthema war, kulminierte ein weiteres Mal der Konflikt auf dem Balkan. Die NATO bombardierte u. a. Belgrad mit aktiver Beteiligung der Bundeswehr. Dass die Entscheidung des deutschen Parlamentes, sich an den Kriegshandlungen gegen Serbien zu beteiligen, von einer rot-grünen Bundesregierung forciert wurde, entsetzte mich besonders. So kam es dann zu dem Wunsch, über das Thema bei Oskar Negt und Joachim Perels zu promovieren, wenngleich ich wusste, dass Negt mit Gerhard Schröder befreundet war und meine Kritik an Schröder schonungslos ausfallen würde. Ich hatte diesbezüglich keinerlei Bedenken, denn Negt ist ein Meister der Kritik, und er ließ mich machen. Noch entsetzter war ich allerdings über die damalige kriegsbejahende Wende der GRÜNEN, die hauptsächlich durch Joschka Fischer bewirkt worden war.
Zunächst vergrub ich mich zur Vorbereitung meines Promotionsthemas für mehrere Monate im Archiv der niedersächsischen Staatsbibliothek und las sämtliche Ausgaben der Zeitungen DIE ZEIT und der FAZ aus den Jahren von 1989 bis 2000 quer, um mir den diskursiven Prozess, um den es ging, noch einmal in Gänze vor Augen zu führen. Irgendwann rief mich Negt an, weil er wissen wollte, wo ich abgeblieben war. Er schmunzelte, als ich ihm antwortete, er habe mich doch ins Zeitungsarchiv geschickt. Aber doch nicht monatelang, erwiderte er und bestellte mich in sein Büro, wo er sich dann die Grundzüge meiner bisherigen Konzeption und Hypothesen vortragen ließ und hilfreiche Anmerkungen machte.
Durch die Archivphase bekam ich buchstäblich im Zeitraffer vor Augen, wie im liberalen und konservativen Spiegel der Zeitläufte in der Öffentlichkeit in Deutschland sich mal merklich, mal unmerklich ein politischer Prozess der Normalisierung vollzogen hatte, den vor allem Jürgen Habermas begrifflich-theoretisch gefasst hatte. Ich hatte umfassendes Material gesammelt, das exemplarisch belegte, wie sich durch Vergleiche gegenwärtiger politischer Ereignisse mit dem Nationalsozialismus ein militärpolitischer und ein vergangenheitspolitischer Diskurs miteinander verzahnten, z. B. um eine aktive Beteiligung an militärischen Interventionen der Bundeswehr durchzusetzen und zu legitimieren, etwa wenn es darum ging, gegen den „Wiedergänger Hitlers“, wie der serbische Präsident Slobodan Milošević bezeichnet wurde, vorzugehen oder ein „Zweites Auschwitz“ (Massaker in Srebrenica) zu verhindern – und dies auch noch ohne UNO-Mandat und außerhalb des NATO-Bündnisgebiets, also komplett ohne verfassungsrechtliche Grundlage. Es hieß, Deutschland sei ein normaler westlicher Staat geworden und dürfe nicht nur Rechte für sich in Anspruch nehmen, sondern müsse auch die gängigen Pflichten erfüllen. Der Normalisierungsprozess war zugleich ein Prozess der Normierung und wurde zwischen Liberalen und Konservativen in der Öffentlichkeit diskursiv ausgetragen.
Ich hatte also ein bisschen Glück, dass mein Thema zum Teil zeithistorisch angelegt war und zugleich mitten im politischen Handgemenge stattfand, aber klare Linien aus den vergangenen Jahren zu erkennen waren, die sich über die Gegenwart fortsetzten. Mit dem politischen Handgemenge wissenschaftlich umzugehen, hatte ich ja in Hannover gelernt, da es dem dortigen Wissenschaftsverständnis ursprünglich eingeschrieben war.

Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Ganz ehrlich: Wie haben dir die fünf Jahre deiner Promotion gefallen? Wie hast du die Zeit in Erinnerung?

Marcus Hawel
Interviewpartner

Fünf Jahre waren es gar nicht, außer ich zähle noch die Zeit zur Erstellung des wissenschaftlichen Exposés und die Nacharbeiten für die Publikation nach der Disputation hinzu. Es waren eigentlich knapp vier Jahre. Ich fing ein halbes Jahr vor meinem Stipendium, das ich von der Böckler-Stiftung bekam, mit Recherchen im Archiv an. Nach drei Jahren Förderung war ich dann fertig und konnte die Dissertationsschrift in der Fakultät einreichen, wobei ich 2005 noch knapp ein halbes Jahr davon beim Goethe-Institut in Kairo in der Programmabteilung verbrachte, meine fertige Arbeit ruhen ließ, um sie dann abschließend zu redigieren. Nach der Disputation habe ich dann noch einmal ca. sechs Monate eine lesefreundlichere Version für die Buchpublikation erarbeitet.
Aus der Rückschau neigen wir Menschen dazu, die Dinge zu romantisieren. Dennoch würde ich mit voller Verve behaupten, dass es eine wundervolle Zeit gewesen ist. Zwar habe ich auch die typischen Krisen durchgemacht und mehr als einmal an mir gezweifelt. Doch das war mehr am Beginn der Promotion, als es noch darum ging, eine schlüssige Konzeption zu entwickeln und eine funktionale Arbeitsstruktur zu finden. Ich habe von Zeitmanagementseminaren und Schreibwerkstätten profitiert. Ich hatte ein tolles Umfeld von Freund*innen und Kolleg*innen, die imstande waren, mir produktive Feedbacks zu geben und mich auch zu kritisieren. Und ich hatte genügend Ausgleiche.
Ich war schon immer eine hedonistische Eule, die in der Nacht kreativ sein oder feiern konnte und kurz vor Einbruch der Morgendämmerung sich schlafen legte. Ich habe lange geschlafen und bin dann nachmittags ins Café gegangen, um dort zu lesen oder handschriftliche Exzerpte anzufertigen. Abends habe ich gekocht und entspannt. Gegen 23 Uhr habe ich mich dann an den Computer gesetzt und bis 4 Uhr morgens geschrieben. Zwischendurch habe ich auch eine Menge Aufsätze publiziert oder Vorträge gehalten. Ich will mit dieser etwas privaten Einsicht andeuten, dass es gut ist, das Beste aus seinem eigenwilligen Biorhythmus herauszuholen, indem man sich nicht zu sehr diszipliniert und gegen seine Gewohnheiten ankämpft. Das Promovieren soll schließlich auch Spaß machen.
Es war eine sehr schöne Zeit selbstbestimmten Arbeitens, auf die ich immer mal wieder wehmütig zurückblicke.