Forschung braucht Diversität

OpenD-Redakteurin Hannah Pöhlmann im Interview mit Dr. Markus Trömmer, Teamleiter für die Promotionsförderung in der Abteilung Studienförderung bei der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES). Themen sind u. a. die Stipendienvergabe, digitale Veranstaltungen während der COVID-19-Pandemie und Promovieren in erster Generation.
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Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Auf Ihrer Webseite steht, dass sich Deutsche, Bildungsinländer*innen und Geflüchtete um ein Promotionsstipendium bewerben können. Wie verteilt sich denn die Anzahl der Bewerber*innen und die Vergabe der Stipendien auf die drei genannten Gruppen?

Markus Trömmer
Interviewpartner

In unseren Statistiken unterscheiden wir nicht zwischen Deutschen und Bildungsinländer*innen. Die Zahl der Geflüchteten ist noch gering. Allerdings haben wir viele in die Grundförderung aufgenommen, also können u. a. daraus Bewerbungen hervorgehen. Wir zählen alle drei Gruppen auf, weil wir ein klares Signal senden wollen, dass alle drei ermutigt werden. Dito natürlich auch internationale Studierende.

Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Habe ich das richtig verstanden, dass es eine Förderung gibt, die nicht an ein Programm geknüpft ist, auf die sich Promovierende aus allen Fachbereichen (außer Medizin) bewerben können, und zusätzlich gibt es auch Promotionsprogramme, wie „Erforschung der Sozialen Demokratie(n) und ihrer Bewegungen. Historischer Wandel, gegenwärtige Effekte und Perspektiven für die Zukunft“, für das dieses Jahr vier Stipendien ausgeschrieben wurden? Werden die Promotionen innerhalb des Programms auf eine andere Weise betreut, wie die „freien“?

Markus Trömmer
Interviewpartner

Ja, generell sind die Stipendien nicht an ein spezielles Programm gebunden. Alle Stipendiat*innen haben Zugang zum umfangreichen Weiterbildungsangebot unserer ideellen Förderung. Das von Ihnen erwähnte Programm „Erforschung der Sozialen Demokratie(n)“ führen wir gemeinsam mit dem Archiv der Sozialen Demokratie der FES durch. Es betrifft nur eine sehr kleine Zahl von Promovierenden, ist also die Ausnahme. Die Stipendiat*innen werden von unserem Archiv fachlich individuell betreut und erhalten Zugang zu speziell auf sie zugeschnittene Veranstaltungen.

Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Finden die Fachtagungen und andere Veranstaltungen trotz Corona weiterhin statt? Veranstaltungen sind neben dem wertvollen Feedback, das man zu seiner Forschung erhält, auch wichtig zum Netzwerken. Finden Sie, dass Networking auch bei digitalen Veranstaltungen möglich ist?

Markus Trömmer
Interviewpartner

Anfang Oktober haben wir noch eine Präsenzveranstaltung durchgeführt. Alle übrigen für den Rest des Jahres geplanten Seminare werden wir jedoch nicht mehr in Tagungshäusern durchführen. Da völlig offen ist, wann wir wieder in Präsenz tagen können, sind wir jetzt dabei, die Veranstaltungen als Webseminare umzusetzen. Das kann aber in den allermeisten Fällen nur eine Notlösung sein. Sicher ist es möglich, Informationen zu vermitteln und sich in gewissem Maße auszutauschen.
Aber dabei geht natürlich der nicht zu überschätzende informelle Teil weitgehend verloren. Diese online-basierte Art des Arbeitens wird zudem oftmals als recht anstrengend empfunden.

Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Kommt es öfters vor, dass ein*e Stipendiat*in die Promotion abbricht? Was passiert in diesem Fall?

Markus Trömmer
Interviewpartner

Das passiert sehr selten. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Zum einen kommt es vor, dass jemand unverhofft die Möglichkeit erhält, ein attraktives Stellenangebot zu ergreifen. Zum anderen gibt es immer mal wieder Stipendiat*innen, die sich überfordert fühlen und dann zu der Überzeugung gelangen, dass ein anderer Weg für sie der bessere sei. Oder es haben sich die familiären Umstände geändert. Wir versuchen dann, in persönlichen Gesprächen behutsam zu eruieren, ob es nicht doch noch eine Möglichkeit gibt, das Promotionsprojekt fortzuführen. Möglicherweise kann ja eine Aussetzung der Förderung hilfreich sein. Das ist bis zu einem Jahr möglich. Kommt es dann wirklich vor Abschluss der Dissertation zum Abbruch, ist das zwar bedauerlich, hat aber von unserer Seite aus keine negativen Auswirkungen.

Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Oft fehlt Promotionsinteressierten Wissen oder Unterstützung in Bezug auf die Bewerbung um ein Promotionsstipendium, vor allem, wenn es in der Familie oder im sozialen Umfeld niemanden gibt, der promoviert hat. Gibt es unter den Stipendiat*innen der FES viele, die in erster Generation promovieren?

Markus Trömmer
Interviewpartner

Ja. Wir erheben zwar nicht, wie viele der Stipendiat*innen in der Promotionsförderung als erste in ihrer Familie promovieren. In der Grundförderung sind gut die Hälfte unserer Stipendiat*innen Erstakademiker*innen. Es ist uns ein zentrales Anliegen, gerade ihnen ein Studium bzw. eine Promotion zu ermöglichen. Zahlreiche Promovierende haben auch die Grundförderung durchlaufen.
Voraussichtlich Anfang des nächsten Jahres wird übrigens im Verlag J.H.W. Dietz ein Promotionsratgeber erscheinen, dessen Entstehung wir begleitet haben. Darin gibt es gerade auch für die von Ihnen angesprochene Gruppe zahlreiche Hinweise, welche Herausforderungen eine Promotion stellen und wie diesen erfolgreich begegnet werden kann.