Diese Methode hat Wahnsinn

Zu einer Dissertation gehört ein Methodenteil, heißt es allenthalben. Dabei ist in vielen Fächern erstaunlich unklar, was Methoden eigentlich sind.

An dem Lehrstuhl, an dem ich die meiste Zeit meines Studiums verbracht habe, waren halbjährliche Kolloquienfahrten üblich. In dem erlesenen Zirkel von wissenschaftlichen Hilfskräften, Promovierenden, Habilitierenden und Professoren wurden in schöner Landschaft Abschlussarbeiten diskutiert, Theorien besprochen und wieder verworfen und – vor allem – viel Wein an sogenannten Kaminabenden getrunken. An einem dieser Abende gestand mir ausgerechnet die Doktorandin, deren Veranstaltungen ich als Magisterstudentin mit großem Abstand am spannendsten fand, dass sie absolut gar keine Ahnung habe, was diese ganzen Literaturwissenschaftlerinnen eigentlich mit ihren Methoden hätten: „Ich habe der Form halber auch einen Theorie- und Methodenteil in meiner Dissertation, ja klar. Aber ganz ehrlich: Verstanden, was das Ganze soll, habe ich bis heute nicht.“

Später, als ich selbst promoviert habe, machte ich eine ganz ähnliche Erfahrung: An meiner Universität gab es ein Theorie- und Methodenseminar, aber beides wurde zusammen behandelt und es wurde nicht einmal der Versuch unternommen, die beiden Bereiche voneinander zu trennen. In „Grundzüge der Literaturwissenschaft“, der Bibel für Literaturwissenschaftlerinnen im ersten Semester, kommt im Inhaltsverzeichnis das Wort „Theorie“ vor, aber das Wort „Methode“ wird vorsichtig mit den Worten „Verfahren“ umschifft. Während meiner Promotion fragte ich mich immer mehr, ob wir Literaturwissenschaftler aus Angst, uns zu blamieren, den Elefanten in der Mitte des Raumes ignorierten. Oder gibt es den Elefanten überhaupt nicht? Gibt es, analog zur naturwissenschaftlichen Methode, auch eine geisteswissenschaftliche Methode?

Singular oder Plural?

Die Frage, ob es geisteswissenschaftliche Methoden gibt, lässt sich tatsächlich leichter beantworten. Natürlich könne ein Historiker, der eine antike Münze betrachtet, mit verschiedenen Verfahren an diese Münze herantreten: Er könne sich ihre Stempel ansehen oder ihre Typologie. Genau das mache die Numismatik, eine historische Hilfswissenschaft. „Die größeren Zusammenhänge bleiben allerdings bei einer solchen Betrachtungsweise im Dunkeln“, erklärt Tassilo Schmitt, selbst Historiker und Vorsitzender des Philosophischen Fakultätentages. Um zu verstehen, warum diese Münze geprägt wurde oder welche Machtansprüche damit manifestiert werden, braucht es hingegen eine andere Herangehensweise, die typisch für viele Geisteswissenschaften sind.

„Die Methoden der Geisteswissenschaften sind gleichzeitig oft mit Theorie verknüpft“, räumt Wissenschaftsphilosoph und Leibniz-Preisträger Martin Carrier ein. Das liege auch an den Untersuchungsgegenständen der Geisteswissenschaften, da sie sich in der Regel mit Artefakten beschäftige, von Menschen erzeugte Dinge. Daneben zeichneten sich die Geisteswissenschaften in einem größeren Maße als etwa die Naturwissenschaften durch einen individuellen Zugang und durch Betrachtungsweisen aus, die sich im Laufe der Zeit veränderten. Diese relative Subjektivität, die sich auch an theoretischen Traditionen spiegelt, ist jedoch genau der Punkt, an dem sich das Unverständnis für die geisteswissenschaftliche Methode entzündet.

Mit „Science“ sind die Naturwissenschaften gemeint

„Woran denken Sie, wenn Sie an Wissenschaft und Forschung denken?“, war eine Frage des Wissenschaftsbarometers 2017. Unter den ersten fünf Nennungen der 850 Befragten kamen Disziplinen wie Medizin, Gesundheit, Technik, Biologie oder Physik. Die Sozial- und Geisteswissenschaften hingegen landeten abgeschlagen auf dem vorletzten Platz. Empirie, Überprüfbarkeit, Greifbarkeit – alles Schlagwörter, die den Naturwissenschaften und damit offensichtlich in einem öffentlichen Diskurs der Wissenschaft an sich zugeordnet werden, sind keine Attribute, die auf Geisteswissenschaften und ihre Methoden zutreffen. Konrad Paul Liessmann, Publizist und Philosophieprofessor aus Wien, gibt daran auch der zunehmend anglophonen Wissenschaftsgemeinschaft die Mitschuld: „,Wissenschaft‘ wird gerne mit ,Science‘ übersetzt. Der Begriff ,Science‘ ist aber stark naturwissenschaftlich konnotiert.“ Auch deshalb würden zunehmend unter wissenschaftlichen Methoden die naturwissenschaftlichen Methoden verstanden.

Das Problem: Diese Methoden mögen in der Physik oder der Biomedizin ihren Sinn haben; eins zu eins auf die Geisteswissenschaften übertragbar sind sie nicht. Was sollte zum Beispiel die geisteswissenschaftliche Entsprechung zu einem naturwissenschaftlichen Experiment sein, das nicht replizierbar ist? Allgemein gefragt:

Kann man in den Geisteswissenschaften scheitern?

Konrad Paul Liessmann, der auch schon in früheren Debatten als Kritiker einer Gesellschaft aufgefallen ist, die Bildung als unmittelbar zu verwertendes Wissen auffasst, hat ein Problem mit dem Begriff „Scheitern“ in den Geisteswissenschaften: „Kann man sagen, dass Luhmann gescheitert ist, weil er momentan nicht mehr in den USA rezipiert wird? Oder ist umgekehrt jemand gescheitert, der beim Erscheinen seines Werks eine große Resonanz auslöst, aber ein paar Jahre später in Vergessenheit gerät?“ Für Liessmann kommt es ganz entscheidend auf den Blickpunkt an, von dem aus ein Scheitern bewertet wird. Anders sieht es Tatjana Dänzer, Mitherausgeberin des Journals of Unsolved Questions, das sich seit seiner Gründung 2011 zum Ziel gesetzt hat, gescheiterte Forschungsvorhaben vorzustellen. „Wir haben in der Vergangenheit durchaus auch geisteswissenschaftliche Artikel gehabt“, sagt sie. „Allerdings stimmt es: Die Mehrheit der Einsendungen kommen aus dem naturwissenschaftlichen Bereich.“

Egal, ob Geistes- oder Naturwissenschaften: Die Angst, in den Augen eines Fachpublikums zu versagen, ist groß. Das kann auch dafür sorgen, dass in den Geisteswissenschaften der Diskurs kleinteiliger wird, weniger große Werke in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert werden. Liessmann etwa ist der Überzeugung, dass das Wissenschaftsbarometer, das ermittelt, was normale Bürger unter „Wissenschaft“ verstehen, vor fünfzig Jahren noch deutlich zugunsten der Geisteswissenschaften ausgefallen wäre – gerade weil man sich damals noch öfter an einem großen theoretischen Wurf versuchte. Dass die Geisteswissenschaften früher stärker die Rolle des „Orientierungswissens“ eingenommen haben, hängt mit diesem Phänomen zusammen, wie Martin Carrier glaubt: „Beim Orientierungswissen wird vom großen Ganzen her gedacht. Früher waren für dieses Denken die Geisteswissenschaften verantwortlich, jetzt sind es aber oft die Naturwissenschaften, wie etwa in der Debatte um künstliche Intelligenz, die die großen Themen in die Öffentlichkeit bringen.“

Die Geisteswissenschaften könnten ruhig selbstbewusster sein

Naturwissenschaften werden also zumindest im öffentlichen Diskurs als die tonangebenden Wissenschaften wahrgenommen. Kein Wunder also, dass sich die Geisteswissenschaften in der Methodenfrage zumindest nach außen hin nicht allzu sehr von den naturwissenschaftlichen Disziplinen unterscheiden wollen. Aber dass die Annäherung nur einseitig sei, verneinen die meisten unserer Gesprächspartner vehement: „Die Geisteswissenschaften nähern sich dem Exaktheitsideal der Naturwissenschaften an“, sagt etwa Martin Carrier, „gleichzeitig beziehen die Naturwissenschaften mittlerweile auch stark besondere und in diesem Sinne subjektive Zugangsweisen zum Untersuchungsobjekt ein, wie es eigentlich typisch für die Geisteswissenschaften ist.“ Insofern könnten die Geisteswissenschaften gerade auch in den öffentlichen Debatten ruhig selbstbewusster auftreten. Gerade die künstliche Intelligenz sei hier ein gutes Beispiel, wie Liessmann findet: „Der Diskurs reicht bis in die Antike zurück und ist damit so etwas wie ein Steckenpferd der Geisteswissenschaften. Wenn dann aber so ein Zwanzigjähriger aus dem Silicon Valley kommt und alle bei dem Thema an seinen Lippen hängen, kann man ja mit Fug und Recht als Geisteswissenschaftler sagen, dass der Quatsch redet und vom Thema keine Ahnung hat. Genauso würden das die Silicon-Valley-Jungs ja auch bei uns Geisteswissenschaftlern machen, wenn wir von Digitalisierung reden und eigentlich keine Ahnung haben.“