Die Vor- und Nachteile eines Promotionsstipendiums

Adrian Königstein, Doktorand in Physik und Stipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNS), spricht mit uns über Promovieren in einem naturwissenschaftlichen Fach mit Stipendium, die Finanzierung der Promotionsjahre und mögliche berufliche Wege danach.
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Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Du bist Promotionsstipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. Die Stiftung finanziert also aktuell deine Promotion?

Adrian Königstein
Interviewpartner

Ja. Meine Promotion wird seit zweieinhalb Jahren durch ein Stipendium der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF) gefördert. Jedoch war ich bereits vorher und bin auch aktuell noch zusätzlich auf einer Viertelstelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für theoretische Physik angestellt.
Meine finanzielle Förderung durch die Stiftung werde ich jedoch bis zum Sommer des nächsten Jahres pausieren und in dieser Zeit für das Institut für theoretische Physik und einen DFG-Sonderforschungsbereich auf erhöhter Stundenbasis arbeiten.

Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Erzähl uns ein bisschen von dir und deinem Promotionsthema. Wo promovierst du und mit was beschäftigst du dich inhaltlich? Wie sieht dein Forschungsalltag aus?

Adrian Königstein
Interviewpartner

Ich promoviere in der theoretischen Kern- und Teilchenphysik in Frankfurt a. M. im weitesten Sinne zu Zuständen von Kernmaterie unter sehr extremen Bedingungen (extreme Drücke und Temperaturen). Solche Bedingungen liegen zum Beispiel im Inneren von Neutronensternen vor oder können bei Beschleunigerexperimenten künstlich für extrem kurze Zeiten erzeugt werden.
Meine Promotion ist thematisch an dem eben genannten DFG-Sonderforschungsbereich angebunden bei welchem circa 120 Physiker*innen aus vier Universitäten zu diesem Themenbereich aus der Hochenergiephysik forschen und versuchen diese Zustände zu berechnen und zu simulieren.

Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Wie kamst du zu deiner Forschungsfrage?

Adrian Königstein
Interviewpartner

In der Physik ist es eher unüblich, dass man sich seine Forschungsfragen selbst ausdenkt. Die Themen sind zu speziell und man benötigt sehr viel Erfahrung, um ein relevantes Thema herauszuarbeiten. Meistens schreiben Professor*innen konkrete Projekte aus, welche dann durch Doktorand*innen übernommen und bearbeitet werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass man stumpfsinnig eine Fragestellung abarbeitet. Häufig wandeln sich die Promotionsprojekte während der Promotion und mit zunehmender Erfahrung der Promovierenden sehr stark.
Bei mir ist es genau so gelaufen: Ich habe ein sehr konkretes Projekt aus dem Sonderforschungsbereich mit einer sehr klar umrissenen Fragestellung übernommen, befasse mich jedoch inzwischen hauptsächlich mit derAnalyse und Verbesserung von mathematischen Methoden, welche dort benötigt werden.

Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Wie kam es, dass du dich für die Bewerbung auf ein Stipendium entschieden hast, obwohl eine Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter vorteilhafter zu sein scheint?

Adrian Königstein
Interviewpartner

Das Rahmenprogramm eines (Promotions-)Stipendiums ist schlichtweg einzigartig. Man hat die Chance sehr viele unterschiedliche Personen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen kennenzulernen, die häufig jeweils in ihrem Betätigungsfeld zu den Besten gehören. Zudem bekommt man Einblick und Kontakte in unterschiedlichste Forschungsbereiche sowie aktuelle Entwicklungen in Politik, Kultur und Technik. Der Austausch, die ideellen Förderprogramme und Projekte der Stiftungen bieten schlichtweg ein super Rahmenprogramm für eine Promotion. (Sehr viele Angebote der politischen Stiftungen stehen übrigens allen Bürger*innen der Bundesrepublik offen und dienen der politischen Bildung. Es lohnt sich wirklich diese zu nutzen, auch wenn man nichts direkt mit den assoziierten Parteien zu tun hat!)
Die Finanzierung ist ein Thema, das von Promovierenden zu Beginn häufig unterschätzt wird. Beispielsweise wäre es für mich selbst aus rein finanzieller Sicht besser gewesen, wenn ich mich nicht um ein Stipendium beworben hätte, da die Landesstelle, die ich zum Bewerbungszeitpunkt innehatte, in vielerlei Hinsicht attraktiver war (finanziell, aber auch in Bezug auf Sozial-, Renten-, Krankenversicherung etc.).
Nichtsdestotrotz würde ich mich wieder für ein Stipendium entscheiden, jedoch erneut ausschließlich in Kombination mit einer Anstellung an einem Forschungsinstitut o. Ä. Insgesamt kann ich jedoch allen Promotionsinteressierten nur ausdrücklich raten sich mit den verschiedenen Promotionsmodellen und deren Finanzierung vorab im Detail vertraut zu machen. Dann steht einer erfolgreichen und spannenden Promotion nichts im Weg.

Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Weißt du, wie bei der Friedrich-Naumann-Stiftung die Auswahl der Stipendiat*innen abläuft? Muss man selbst politisch aktiv oder in der FDP sein, um sich auf ein Stipendium bewerben zu können?

Adrian Königstein
Interviewpartner

Es ist nicht zwangsläufig nötig, selbst für die FDP parteipolitisch aktiv zu sein. Ein großes Interesse für Politik und aktuelle Debatten sollten jedoch definitiv gegeben sein. Außerdem sollte man sich in der Vergangenheit oder aktuell in irgendeiner Weise sozial engagiert haben oder engagieren und bereit sein, sich in Zukunft in die Stiftung aktiv einzubringen.
Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die Stiftungen darauf achten, dass das Verhältnis von parteipolitisch aktiven Stipendiat*innen und solchen, die dies nicht sind, einigermaßen ausgeglichen ist, sodass ein möglichst großer Ideenaustausch entsteht. So tragen die Stiftungen z. B. dazu bei, dass spätere Berufspolitiker*innen, von denen auch viele Stipendiat*innen waren, sich nicht nur in einer Filterblase mit anderen politisch aktiven Personen bewegen, sondern mit Expert*innen und sehr engagierten Personen aus allen möglichen Bereichen in einen engen und informellen Austausch treten können.
Dennoch sollte man in jedem Fall weltanschaulich zu der Stiftung passen bzw. die Stiftung zu einem selbst. In der liberalen Friedrich-Naumann-Stiftung heißt dies z. B., dass man von sehr kapitalistisch und marktradikal eingestellten Stipendiat*innen bis hin zu extrem sozialliberal eingestellten Stipendiat*innen ein breites und sehr spannendes Spektrum von Meinungen vorfindet, welches jedoch von liberalen Ideen, wie dem Freiheitsgedanken, des Wettstreits der besten Ideen, der Toleranz und Vielfalt etc. vereint ist. Diese Vielfalt macht die Stiftung besonders spannend für mich, was ich in diesem Ausmaß selbst vorher nicht erwartet hätte.

Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Willst du nach Beendigung der Promotion in der Wissenschaft bleiben?

Adrian Königstein
Interviewpartner

Ob ich nach meiner Promotion in der Grundlagenforschung oder Wissenschaft weiterarbeiten will, weiß ich aktuell noch immer nicht sicher und es war auch bisher nie wirklich relevant für mich, da ich auch außerhalb der Grundlagenforschung extrem viele spannende Berufsfelder für mich sehe. In den nächsten Monaten werde ich jedoch eine Entscheidung treffen müssen und tendiere aktuell eher dazu die Wissenschaft aufgrund der schlechten Rahmenbedingungen auf lange Sicht zu verlassen. Inhaltlich finde ich meine Arbeit jedoch extrem interessant und könnte mir vorstellen diese fortzusetzen. In jedem Fall werde ich mich auch auf Postdoc-Stellen an Universitäten oder an Forschungsinstituten, jedoch auch auf Stellen in der freien Wirtschaft bewerben.

Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Mit „schlechten Rahmenbedingungen“ meinst du die geringe Bezahlung?

Adrian Königstein
Interviewpartner

Dieser ist tatsächlich nur ein kleiner von vielen Aspekten. Eine geringere Bezahlung als z. B. in der freien Wirtschaft stellt für mich grundsätzlich kein Problem dar, solange dies durch andere Vorteile, wie z. B. Planbarkeit, Sicherheit oder schnellere Aufstiegschancen in Führungspositionen oder z. B. deutlich mehr Unabhängigkeit ausgeglichen wird. Tatsächlich beobachte ich jedoch, dass viele Postdocs nach ihrer Promotion viele Jahre auf sehr unsicheren, zeitlich stark befristeten Stellen verbringen. In nur wenigen Fällen genießen sie große Unabhängigkeit und müssen ihre Finanzierung teilweise komplett selbst einwerben. Am Ende haben trotzdem die wenigsten PostDocs eine Chance auf eine permanente Stelle. Dies passt für mich nur wenig zusammen und ich bin mir aktuell nicht sicher, ob ich in diesem Spiel mitspielen will, auch wenn ich inhaltlich meine Forschung und Lehre sehr vermissen würde.