Die eigenen Grenzen ausloten

Drei Fragen an Dr. Stefanie Geiselhardt, Leiterin der Abteilung Bewerbung und Auswahl bei der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Ian Schneider via Unsplash

In einem Interview hat unsere Redakteurin Hannah Pöhlmann Stefanie Geiselhardt nach ihren Erfahrungen zum Promovieren mit Kind gefragt und sie um Bewerbungstipps für Stipendien gebeten.

Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Erzählen Sie uns ein bisschen von sich. In welchem Fach haben Sie promoviert? Wie erinnern Sie die Jahre der Promotion?

Stefanie Geiselhardt
Gastautorin

Meine Erinnerungen an die Zeit der Promotion sind sehr ambivalent. Es war einerseits eine Zeit der Freiheit, Kreativität und der intellektuellen Entfaltung, da ich glücklicherweise das volle Vertrauen meines Doktorvaters hatte und gleichzeitig keine Verpflichtungen am Lehrstuhl. Andererseits war die Promotion für mich die maximale Herausforderung. In meinem unmittelbaren Umfeld war ich die erste, die studiert hatte, und promoviert hat im weiten Familienkreis außer mir bis heute nur noch ein älterer Verwandter. Ich hatte also absolut keine Rollenvorbilder in meiner Nähe und bin jeden Schritt meines Weges zunächst alleine gegangen. Dass ich, zumal als Frau, in einem naturwissenschaftlichen Studium erfolgreich war, hat viele überrascht. Mit der Promotion in chemischer Ökologie habe ich für mich geklärt, wo mein Limit ist. Der Erfolg stärkt mich bis heute.

Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Sie haben mit Kind promoviert. Viele nehmen Kinderbetreuung und Arbeit an der Dissertation als unvereinbar wahr. Könnten Sie Ihre Erfahrung dazu mit uns teilen? Was fiel Ihnen leicht? Was fiel schwer? Wo wurde Unterstützung geboten? Wo hat die Unterstützung gefehlt?

Stefanie Geiselhardt
Gastautorin

Als wir uns entschieden, Eltern zu werden, war ich im zweiten Jahr meiner Dissertation in Freiburg. Ich hatte ein Promotionsstipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) bekommen und in der Gemeinschaft der Stipendiat*innen Fuß gefasst. Mein Mann schloss zu dem Zeitpunkt seine Dissertation ab und nahm eine Stelle in Berlin an. Fortan pendelte er wöchentlich die 700 km.
Für uns stellte sich die Frage nach dem „richtigen Zeitpunkt“ nie; es gibt ihn nicht. Ein Jahr lang war ich fünf Tage die Woche mit unserer Tochter alleine. Gelegentlich waren die Omas für ein paar Tage da und im zweiten Halbjahr hatte ich zwei Nachmittage die Woche einen Krippenplatz. Ansonsten hatte ich die Kleine eben mit in der Uni; das Tragetuch war mein bester Freund. Meine Arbeitsgruppe war wunderbar – ich hatte keinerlei Leistungsdruck von dieser Seite und bekam die Unterstützung da, wo ich sie brauchte. Freitagnacht kam mein Mann und hat mir dann am Wochenende Zeit zum Schlafen verschafft, damit ich am Sonntagnachmittag wieder übernehmen konnte. Leicht fiel uns beiden in dem Jahr gar nichts. Als der experimentelle Teil meiner Arbeit abgeschlossen war, zog ich – körperlich und mental ziemlich fertig – nach Berlin um. Dank Gutscheinsystem hatten wir hier sofort einen Vollzeit-Krippenplatz. Auch die Akzeptanz gegenüber arbeitenden Müttern war eine viel höhere, als ich sie in Süddeutschland erlebt hatte. Leider ging zu dem Zeitpunkt mein Stipendium zu Ende – an eine Verlängerung wegen Kinderbetreuung war 2008 noch nicht zu denken. Da sind die Stipendiengeber seither glücklicherweise sehr, sehr viel weiter gekommen. Bei uns gibt es inzwischen, neben der Verlängerungsmöglichkeit, auch ein stipendiatisches Elternnetzwerk zur gegenseitigen Unterstützung.
Ein Jahr lang schrieb ich dann noch von zuhause aus unbezahlt meine Arbeit fertig. Zur Verteidigung nach insgesamt fünf Jahren im Projekt kam ich wieder mit Babybauch und wurde summa promoviert. Vereinbar sind Promotion und Familie also in jedem Fall. Hilfreich ist eine gute private Infrastruktur, aber es geht auch ohne. Unverzichtbar ist hingegen die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen, eigene Grenzen anzuerkennen und Hilfe anzunehmen.

Hannah Pöhlmann
Redakteurin

Sie waren selbst Promotionsstipendiatin der Konrad-Adenauer-Stiftung und sind nun bei der Stiftung als Leiterin der Abteilung Bewerbung und Auswahl tätig. Sie haben den Bewerbungsprozess also von beiden Seiten miterlebt, somit sind Sie Expertin für Promotionsstipendien der KAS. Welche Ratschläge können Sie Promotionsinteressierten/Promovierenden mitgeben, die sich auf ein Stipendium bewerben möchten?

Stefanie Geiselhardt
Gastautorin

Der KAS verdanke ich viel. Die Community der Stipendiat*innen sowie meine Ansprechpartnerinnen in der Stiftung haben mir die Inspirationen und Vorbilder geboten, die ich in meiner Familie nicht hatte. Viele Kontakte tragen mich bis heute. Der erste Ratschlag wäre also, es auf jeden Fall zu versuchen, und sich zu bewerben.
Unser System an Förderwerken in der Bundesrepublik spiegelt auf besondere Weise die Pluralität der Gesellschaft wieder, sodass sich für jede*n Anknüpfungspunkte finden. Voraussetzung bei allen Werken ist, dass man außergewöhnliche Leistungsbereitschaft und den Wunsch nach gesellschaftlicher Verantwortung und Gestaltung mitbringt, der sich in einem ehrenamtlichen Engagement niederschlagen sollte. Dreh- und Angelpunkt für den besten „Fit“ ist Authentizität. Wer versucht sich zu verbiegen, wird nicht überzeugen. Essenziell für die erfolgreiche Bewerbung ist – wie im Berufsleben auch – eine gute Vorbereitung. Bewerbende sollten das Förderwerk ihrer Wahl gut kennen und plausibel mit eigenen Worten darlegen können, warum sie sich ausgerechnet hier bewerben. Außerdem müssen sie ihr Promotionsprojekt umfassend und verständlich erklären und im Bewerbungsgespräch in der Diskussion vertreten können. Wenn das gelingt, erwartet sie eine große Gemeinschaft an Gleichgesinnten, intensiver Austausch sowie Fortbildung auf Seminaren und Veranstaltungen am Hochschulort und eine persönliche Betreuung und Beratung, die weit über das Stipendium hinausreicht.