Ab durchs Hintertürchen

Nach Guttenberg, Schavan et al.: Wird an den deutschen Unis mittlerweile genug getan, um Plagiaten vorzubeugen?

Eigentlich war es nur eine Personalie, die die International School of Management (ISM) in Köln in diesem Sommer vermeldete, Dr. Ulrich Lichtenthaler zum Professor ernannt. Eine Randnotiz – wäre da nicht die erstaunliche Reputation des Wirtschaftswissenschaftlers. Lichtenthaler hatte 2013 seine Lehrbefähigung verloren, nachdem bekannt geworden war, dass er es, vorsichtig gesagt, mit der guten wissenschaftlichen Praxis nicht immer so genau genommen hatte. Mehr als ein Dutzend seiner Veröffentlichungen hatte er wegen Plagiaten und statistischer Ungereimtheiten zurückziehen müssen. Nun also, fünf Jahre später, unterrichtet er wieder Studierende.

Der Fall wirft Fragen auf, scheint er doch zu konterkarieren, was sich die deutschen Hochschulen im Kampf gegen Plagiate vorgenommen hatten, allerspätestens nach dem Fall Annette Schavan. Damals, im Jahr 2012, war ausgerechnet die für Wissenschaft zuständige Bundesministerin in den Verdacht geraten, große Teile ihrer Doktorarbeit aus dem Jahr 1980 abgeschrieben zu haben. Zwar bemühte sich eine Kommission der Universität Düsseldorf, an der Schavan promoviert hatte, um Aufklärung, untersuchte die Arbeit und stellte tatsächlich den Tatbestand einer vorsätzlichen Täuschung fest; im Februar 2013 wurde Schavan der Doktorgrad entzogen. Der Aufschrei aber war groß, führende Vertreter aus Wissenschaft und Politik sprangen Schavan bei und attackierten die Universität. In den Hintergrund geriet das Fehlverhalten, der Verlierer war die Wissenschaft. Schavan trat als Bildungsministerin zurück und scheiterte vor einem Gericht mit einer Klage gegen die Aberkennung des Doktortitels.

Wie wichtig ist den Hochschulen das Thema?

Seitdem allerdings – und schon davor – hat sich viel getan an den Hochschulen. Sagen die Hochschulen. Seitdem hat sich überhaupt nicht viel getan, sagen Kritiker. Noch immer fehlten überzeugende Maßnahmen zur Prävention von Plagiaten. Und noch immer gebe es keinen offenen Umgang mit Fehlverhalten. Was also stimmt denn nun, sechs Jahre nach Schavan?

Prof. Dr. Debora Weber-Wulff holt tief Luft, pustet ihre Enttäuschung in den Telefonhörer. An den deutschen Hochschulen, sagt sie, fehle eine „Kultur des Zitierens“. Sie ist nicht ausreichend einverstanden mit dem, was sich seit dem Fall Schavan an den Hochschulen getan hat. Seit Jahren engagiert sich die Berliner Professorin und Medieninformatikerin für eine saubere Wissenschaft. Weber-Wulff, 61, macht Jagd auf Plagiate, sie hat die Plattform VroniPlag Wiki mitbegründet. Sie überprüft wissenschaftliche Arbeiten, recherchiert, deckt auf, klagt an. Und sie ärgert sich, weil sie das Gefühl hat, dass das Thema von den Hochschulen weiterhin als Nebensache abgetan wird.

Statt einer Kultur des Zitierens scheine hierzulande eine „Kultur der schlechten wissenschaftlichen Praxis Einzug erhalten zu haben“, sagt sie. „Studierende imitieren das, was sie sehen. Und da es leider einige Leute gibt in den oberen Etagen, die gerne Abkürzungen nehmen, imitieren das auch die Studenten. Sie lernen etwa, dass man Paper mehrfach veröffentlichen kann.“ Oder, siehe Lichtenthaler, dass man auch trotz mehrfachen Fehlverhaltens noch Professor werden kann.

Prof. Dr. Stephan Rixen ist sich dieser Probleme bewusst. Der Rechtswissenschaftler von der Universität Bayreuth ist zugleich Sprecher des Gremiums „Ombudsman für die Wissenschaft“, das der Senat der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1999 eingerichtet hat. Er berät Hochschulen und Wissenschaftler in Fragen guter wissenschaftlicher Praxis, in den deutschen Hochschulbetrieb hat er daher einen guten Einblick. Rixen hält die Kritik für überspitzt, er wirbt für einen differenzierteren Blick. Das Glas sei eher halb voll als halb leer, sagt er, es tue sich einiges – „vor allem in den Bereichen Prävention, Schulung und Bewusstseinsbildung“. Der Nachwuchs werde, unter anderem in Graduiertenkollegs, stärker für das Thema Fehlverhalten sensibilisiert.

Als positives Beispiel nennt Rixen unter anderem die Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Dort haben die Verantwortlichen überlegt, wie man Plagiate öfter verhindern kann; es galt, die Lehren aus dem Fall Schavan zu ziehen. Also wurden die Promotionsordnungen fakultätsübergreifend angepasst. Promovierende müssen sich nun einschreiben und dabei ein Konzept vorlegen. Von Anfang an sollen zwei Betreuer die Arbeit begleiten, neben Doktorvater oder Doktormutter auch eine weitere unabhängige Lehrperson, ein Mentor oder eine Mentorin, mit der der Promovierende eine Betreuungsvereinbarung abschließt. Mindestens einmal im Jahr soll sich der Doktorand mit seinen Betreuern treffen, in einem verpflichtenden Fortschrittsbericht muss er den Stand der Arbeit festhalten. Jeder Doktorand muss zudem mindestens einen Kurs absolvieren, der Kenntnisse über gute wissenschaftliche Praxis vermittelt.

Ein Meldesystem soll Überblick schaffen

Prof. Dr. Peter Westhoff, Molekularbiologe und Prorektor für Forschung und Transfer an der Heinrich-Heine-Universität, ist überzeugt, dass die Maßnahmen greifen. „Wir stellen auf diese Weise klar: Der Doktorand ist verantwortlich dafür, dass er die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis einhält. Aber wir stellen auch klar: Die Professoren, die Betreuer müssen eingebunden werden. Sie haben eine Verpflichtung, junge Wissenschaftler auszubilden und zu entwickeln“, sagt er. „Wenn man sich regelmäßig trifft und miteinander spricht, dann merkt man ja schon, ob das richtig läuft und wo eingegriffen werden muss.“

Die Zuständigkeit für das Thema gute wissenschaftliche Praxis haben die Düsseldorfer zudem bei der Hochschulleitung verankert. In einem Uni-internen Meldesystem sollen zukünftig Plagiatsfälle statistisch erfasst werden, damit die Leitung einen Überblick bekommt. Das Register ist nicht öffentlich. Debora Weber-Wulff sieht die Düsseldorfer Ideen positiv, die Veränderungen aber gehen ihr nicht weit genug. Der Fortschritt an den deutschen Hochschulen sei höchstens einer „in Trippelschritten“, sagt sie. Dissertationen seien nur ein Aspekt, das Problem aber ein hochschulweites. Zudem seien die Unterschiede zwischen den Universitäten gewaltig.

Eine Umfrage von OpenD an zufällig ausgewählten Universitäten im Land scheint diese Annahme zu stützen. Nur manchen Verantwortlichen ist das Bemühen anzumerken, das Thema Fehlverhalten offensiv anzugehen. So wie Prof. Dr. Georg Krausch, Präsident der Johannes-Gutenberg Universität Mainz. Er schreibt, seine Universität habe, auch schon vor dem Fall Schavan, zahlreiche Maßnahmen entwickelt, die den „Fokus auf die Prävention und die Vermittlung eines akademischen Ethos“ legten. Die Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens und die Ideale des wissenschaftlichen Ethos sollen dabei frühzeitig vermittelt werden, beginnend „idealerweise in der Schule“.

Wie Weber-Wulff legt Krausch großen Wert auf die Vorbildfunktion der Lehrenden. Durch das Projekt „Akademische Integrität“ sollen Mitarbeiter der JGU selbst für Fehlverhalten sensibilisiert werden, es gebe zudem für Lehrende Schulungsformate, ein Leitfaden zum Umgang mit Täuschungen und Weiterbildungsangebote zur Vermittlung guter wissenschaftlicher Praxis. „Ein Bewusstsein für das geistige Eigentum anderer und die Verpflichtung zum konsequenten Zweifel an eigenen wie fremden Ergebnissen und Vorgehensweisen müssen eingeübt, gefördert und vorgelebt werden“, so Krausch. Dafür brauche es „ein positives Lehr-Lern-Klima“. Eine Verschärfung von Kontrollen lehne er deswegen ab, sie seien einer solchen Atmosphäre „kaum dienlich“.

Die Umfrage von OpenD zeigt allerdings: Nicht überall herrscht die gleiche Offenheit. Auffallend ist der starke Abwehrreflex, den das Thema Plagiate bei den Universitäten auslöst. Nachfragen werden mitunter zögerlich beantwortet, oder vorschnell als Vorhaltungen interpretiert. Auf die Frage, ob es nach dem Fall Schavan auch an der Universität Duisburg-Essen Änderungen im Umgang mit Plagiaten gegeben habe, platzt es aus einer Presseverantwortlichen heraus: „Was hat das mit uns zu tun?“

Es ist diese Einstellung, die Debora Weber-Wulff problematisch findet. Die Universitäten, sagt sie, wirkten konfliktscheu, sie hätten Angst vor öffentlicher Aufmerksamkeit. Vor Klagen. Vor einem Imageschaden. Probleme würden sie daher lieber zu- statt aufdecken und aufarbeiten. Die Medieninformatikerin spricht aus Erfahrung: Wenn VroniPlag Wiki ein Plagiat gefunden hat, kontaktiert sie die Hochschulen und schickt ihnen eine ausführliche Dokumentation des vorgefundenen Fehlverhaltens. „Die Universitäten brauchen aber ewig, um die Fälle zu bearbeiten“, sagt sie.

Aufklärungsmechanismen fehlen

Ein Beispiel: Im Januar 2017 meldete Weber-Wulff einen von VroniPlag Wiki aufgedeckten und dokumentierten Plagiatsfall an die LMU München, im September 2017 zwei weitere, alle drei Studierende hatten ihre Doktorwürde an der medizinischen Fakultät der LMU erlangt. Eine dieser Arbeiten enthält sogar nicht gekennzeichnete Wikipedia-Übernahmen. Seitdem aber habe sie nichts mehr über den Stand der Untersuchung erfahren, sagt Weber-Wulff. Auf Nachfrage schreibt die LMU, die Verfahren liefen derzeit noch. Zwei der Fälle stünden „vor dem Abschluss“, der dritte bedürfe „weiterer Untersuchungen“. Alle drei Doktorarbeiten stehen derweil weiter im Bibliothekskatalog der LMU zur freien Verfügung, ohne Hinweise auf die laufende Untersuchung.

Ihr Ruf, glaubt Weber-Wulff, sei vielen Hochschulen wichtiger als die Wissenschaft. Sie sagt: „Was die Universitäten anscheinend nicht verstehen: Es ist keine Schande, ein Plagiat durchzulassen. Die Schande ist, ein Plagiat zu decken.“ Zu oft, habe sie festgestellt, würden die Hochschulen bei der Aufklärung von Fehlverhalten das Hintertürchen wählen.

So wie die Medizinische Hochschule Hannover. Der hatte VroniPlag Wiki sechs Plagiatsfälle gemeldet. Irgendwann, sagt Debora Weber-Wulff, habe ihr die Hochschule dann auf Nachfrage mitgeteilt, man habe Rügen ausgesprochen. Dabei seien Rügen in den Ordnungen der Hochschule überhaupt nicht vorgesehen. „Das ist ein Riesenproblem, weil die Arbeit veröffentlicht ist und zugänglich bleibt, aber kein Wissenschaftler die Möglichkeit hat anhand des Textes zu erkennen, dass es ein Plagiat ist“, sagt sie. Die wissenschaftliche Kommunikation werde damit gestört. Es werde als wichtiger erachtet, die Hochschule zu schützen. „Bei einer Rüge klagt natürlich keiner, die Leute behalten ihre Doktorgrade und keiner weiß etwas von ihrem Fehlverhalten.“

Auch Ombudsmann Stephan Rixen sieht noch Raum für Verbesserung, wenn es darum geht, mutmaßliches Fehlverhalten aufzuklären. „Ich bin sehr dafür, dass Plagiatsfälle schnell aufgeklärt werden. Aber Beschleunigung darf nicht auf Kosten der Sorgfalt gehen“, sagt er. „Und sie darf nicht auf Kosten derer gehen, die zunächst einmal nur einem Verdacht ausgesetzt sind.“ Notwendig sei daher in jedem Fall „eine Abwägung zwischen der Vertrauenswürdigkeit der Wissenschaft, den Persönlichkeitsrechten der Betroffenen und dem legitimen Informationsinteresse der Öffentlichkeit“. Auch müssten dabei die Grenzen beachtet werden, die das Datenschutzrecht setze.

Bleibt die Frage, wie jene Kultur des Zitierens genau aussieht, die Debora Weber-Wulff sich an den Hochschulen wünscht. Sie weiß, dass es „kein Kochrezept“ gibt für gute wissenschaftliche Praxis. Die Kultur aber müsse von oben kommen, glaubt die Plagiatsjägerin, angefangen bei den Hochschulleitungen. Es müsse klar werden, „wir klauen Texte nicht“. Es brauche Diskussionsveranstaltungen; an den Hochschulen müsse offen und aufrichtig über das Thema gesprochen werden in einer „angstfreien Atmosphäre“. Die gute wissenschaftliche Praxis müsse gelebt und vorgelebt werden. GWP-Seminare sollten verpflichtend, nicht freiwillig sein, um die Präsenz bei den Kursen zu erhöhen.

„Ich wünsche mir, dass ein Ruck durch die Universitätslandschaft geht“, sagt Weber-Wulff. Auch von der Politik könne mehr kommen, sagt sie. Wenn es um die Einrichtung von Beratungsstellen gehe, heiße es bei den Hochschulen zum Beispiel oft: kein Geld, kein Raum, kein Personal. Weber-Wulff wird daher wohl noch länger die, wie sie selbst sagt, „inoffizielle Beratungsstelle der Republik“ bleiben. Vor vielen Jahren, erzählt sie, habe sie Bildungsministerin Annette Schavan einmal vorgeschlagen, eine Bundesberatungsstelle für gute wissenschaftliche Praxis einzurichten. Erstens sei das Ländersache, hieß es jedoch in der Antwort. Und zweitens vertraue Frau Schavan „auf die Selbstreinigungskraft der Wissenschaft“.

 

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„A Guide to Ethical Writing“, Office of Research Integrity, USA